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Titelthema

Der Anfang ist gemacht

Der grüne Wandel kommt. Doch Anspruch und Wirklichkeit liegen oft noch weit auseinander. Neue Ideen zeigen, wie leicht Nachhaltigkeit sein kann.

TEXT Ulrich Nitsche

ILLUSTRATION Bjorn Steinmetzler

Eigentlich ist es ja ganz einfach. Wer nachhaltig leben will, hat heutzutage viele Möglichkeiten: Lebensmittel, Kleidung und auch Möbel sind Bio-Produkte. Es gibt Kochkurse zum nachhaltigen Backen, Braten und Genießen sowie Portale für sanften Tourismus. Unternehmen und Organisationen präsentieren stolz ihr ökologisches und soziales Engagement. Alle tun Gutes und reden darüber. Mit Erfolg: Laut einer GfK-Umfrage kennen 86 Prozent der Deutschen den Begriff Nachhaltigkeit, die Mehrheit von ihnen verbindet umweltbewusstes Handeln damit.

Der grüne Wandel scheint unaufhaltsam – und gewinnt in diesen Wochen zusätzlichen Schwung. Mit Blick auf die Weltklimakonferenz in Paris legt sich Marlehn Thieme fest: „2015 ist ein entscheidendes Jahr“, erklärt die Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung. „Nachhaltigkeit erfordert Entscheidungen, nicht in ferner Zukunft, sondern jetzt”. Schnelles Handeln, das forderte Hans Carl von Carlowitz bereits 1713. Da beschrieb der sächsische Oberberg- Hauptmann als Erster das Prinzip der Nachhaltigkeit. Doch mehr als 300 Jahre später diskutieren und streiten die Experten noch immer darüber, wie künftigen Generationen ein intaktes ökologisches, soziales und wirtschaftliches Gefüge hinterlassen werden kann. Und im Alltag tun sich die Menschen meist schwer, Anspruch und Wirklichkeit der Nachhaltigkeit in Einklang zu bringen. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist widerwillig. „Es hakt vor allem an der Umsetzung des abstrakten Gedankens in konkretes Verhalten“, beschreibt Prof. Dr. Marcel Hunecke, Umweltpsychologe an der Ruhr-Universität Bochum, die Herausforderung im Interview mit 21 grad. Dennoch sieht der Wissenschaftler gute Chancen für die nachhaltige Gesellschaft. Letztendlich „werden die Menschen erkennen, dass Nachhaltigkeit sich lohnt“.

ALLES KLAR IM GRÜNEN BEREICH?

Folgt man den offiziellen Verlautbarungen, läuft der grüne Wandel wie geschmiert: „Klimaziele werden erreicht – Netzausbau kommt – Mehr Geld fürs Energiesparen“ plakatiert beispielsweise das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie landauf, landab. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Etwa die von Professor Friedrich Schmidt-Bleek. Er leitete in den 1990er-Jahren zusammen mit Ernst Ulrich von Weizsäcker das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie – heute zieht er eine nachdenkliche Bilanz. Mit Ökotechnik die Umwelt retten? Sauber fahren mit Elektroautos? Klimakiller durch Energiewende stoppen? „So einfach geht es nicht“, sagt das Umwelt-Urgestein. Sein provokantes Buch „Grüne Lügen“ zählt derzeit zu den Nachhaltigkeits-Bestsellern. Schmidt-Bleek ist über zeugt: „Wir marschieren in die falsche Richtung.“ Unbestritten sei der Klimawandel eine der größten ökologischen Gefahren. Der CO2-Ausstoß an sich sei aber nicht das Hauptproblem, sondern der übermäßige Verbrauch natürlicher Ressourcen wie Wasser, Öl oder seltene Erden. „Um an Rohstoffe zu gelangen, zerstören und verschmutzen wir immer schneller immer mehr Land und befördern dadurch den Klimawandel, den wir eigentlich bremsen wollen“, mahnt er eindringlich und ruft zum Umdenken auf. „Jeder Einzelne sollte hinterfragen, was er wirklich braucht. Es geht um Fleisch, Aluminiumfolie, Schuhe, um Schlagbohrer und um Smartphones“, so Schmidt-Bleek.

Aber wie viele Rohstoffe verbrauchen wir eigentlich im Alltag und welche Auswirkungen hat das auf die Umwelt? Mit dem am Wuppertal Institut entwickelten Ressourcenrechner kann jetzt jeder online den ökologischen Rucksack seines persönlichen Lebensstils berechnen (www.ressourcen-rechner.de). Nur zehn Minuten dauert es, um zu erfahren, ob der eigene Lebensstil nachhaltig ist und wie ein wirklich ressourcenschonender Lebensstil aussehen kann.

ERFOLGSFAKTOR NACHHALTIGKEIT

Welche Fortschritte nachhaltiges Umdenken möglich gemacht hat, zeigt sich besonders deutlich in Handel und Wirtschaft. Vor 20 Jahren noch als Arbeitsplatzkiller verschrien, kommt heute kaum noch ein Unternehmen ohne umweltbewusste Ansätze und Lösungen aus. Und das aus gutem Grund. „Der grüne Wandel lohnt sich nicht nur, er zahlt sich sogar aus“, ist Dr. Jens Wichtermann überzeugt. Er ist seit 2011 für das Nachhaltigkeitsmanagement der Vaillant Group verantwortlich. „Verantwortungsbewusstes, nachhaltiges Wirtschaften wird immer mehr zum Erfolgsfaktor, denn es verbessert das Unternehmensimage und reduziert die Kosten“, betont er. So verbessert beispielsweise der effiziente Einsatz von Energie nicht nur die CO2-Bilanz des Remscheider Heiz- und Klimatechnikspezialisten, er senkt auch die Energiekosten. „Sozial, gesellschaftlich und ökonomisch zu handeln, ist für uns kein Widerspruch, sondern ein Dreiklang“, fasst Wichtermann die Win-win-Rechnung zusammen. Und was antwortet er den Kritikern, die grünes Handeln pauschal mit hohen Kosten gleichsetzen? „Die Leute sollten vor allem den Nutzen sehen. Wir bei Vaillant sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit die Basis für langfristiges und profitables Wachstum ist.“ Die Verantwortung für den Erfolg des grünen Wandels sieht Wichtermann aber nicht nur bei Unternehmen: „Jeder kann seinen persönlichen Beitrag dazu leisten, die Welt ein wenig nachhaltiger zu machen.“

SAUBERES HANDELN WIRD BELOHNT

Mit dem Rad oder mit dem Auto zur Arbeit? Fleisch vom Biobauern oder vom Discounter? Kaffee in der Thermoskanne mitnehmen oder doch lieber den Einweg-Coffee-togo an der Ecke abgreifen? Typische grüne Gewissensfragen, die den Vorsatz, nachhaltig zu leben, Tag für Tag auf die Probe stellen. Fabian Lindenberg kennt sie alle – und verspricht spielerisch Abhilfe. Der 29-Jährige Berliner hat gemeinsam mit zwei Gleichgesinnten, Anna Yukiko Bickenbach und Ralf Gehrer, die kostenlose App „ecotastic“ entwickelt. „Damit verwandeln wir das bloße Umweltbewusstsein in echtes Umweltverhalten“, ist Lindenberg überzeugt. „Zusätzlich belohnen wir das gute Handeln.“ Die Praxis erinnert ein wenig an Facebook: Mit Fotos dokumentieren ecotastic-Nutzer ihr Umweltengagement. Beliebte Motive sind beispielsweise die Fahrt mit der U-Bahn, eine saubere Mülltrennung oder Stoffbeutel statt Plastiktüten beim Einkauf. Für jede gute Tat gibt es von anderen App-Nutzern eine Bewertung. Wer es in den Rankings bis ganz nach oben schafft, der wird belohnt – mit Warengutscheinen von bis zu 100 Euro. „Dafür kooperieren wir mit kleinen und mittelständischen Unternehmen, die sich durch nachhaltiges Engagement auszeichnen“, sagt Lindenberg.

Im Unterschied zu den zahlreichen Rabattplattformen bietet ecotastic die Vorteile eines sozialen Netzwerks: den direkten Kontakt zu anderen Überzeugungstätern sowie jede Menge Spaß und Spannung im Wettstreit um originelle Nachhaltigkeitsideen. Mehr als 4.000 Nutzer sind bereits bei ecotastic registriert, Tendenz steigend. Was ist das Erfolgsrezept der Macher? „Wir arbeiten nicht mit erhobenem Zeigefinger und sagen auch nicht: Tu dies, lass das. Der Unterhaltungsfaktor kommt beim Thema Nachhaltigkeit noch zu kurz – und genau hier setzt ecotastic an“, erklärt Lindenberg. Mit der App erreicht ecotastic vor allem Jüngere – und damit die Generation Y, der manche Zeitgenossen gerne Desinteresse am nachhaltigen Engagement nachsagen. „Wir machen andere Erfahrungen“, sagt Lindenberg. „Ich lerne immer mehr Menschen in unserer Generation kennen, die neben der Arbeit noch etwas Sinnvolles tun wollen. Sei es sozial, ökologisch oder kulturell.“

ÜBER ALLE GRENZEN HINWEG

Wenn hierzulande über die Energiewende gesprochen wird, ist vor allem von Strom die Rede. Und tatsächlich hat sich auf diesem Gebiet – manchen Vorbehalten und vielen Widerständen zum Trotz – schon einiges getan. Stärkeren Handlungsbedarf sehen Experten inzwischen beim Wärmemarkt. Verständlich, denn rund 80 Prozent des privaten Energiebedarfs entfallen auf Heizen und Warmwassernutzung. „Wir zeigen den Menschen, dass die Energiewende mehr ist als eine Stromwende“, sagt Florian Henle und ist überzeugt: „Ökostrom ist nur der erste Schritt; Ökogas muss folgen.“ Deshalb hat er in München gemeinsam mit Simon Stadler und Jakob Assmann den Energieversorger „Polarstern“ gegründet. Polarstern ist der erste Anbieter, der bundesweit neben 100 Prozent Ökostrom auch 100 Prozent Ökogas aus organischen Reststoffen anbietet. „Ein Meilenstein für die Energiewende“, sagt Henle selbstbewusst.

Doch Henle und seine Mitstreiter wollen mehr als nur saubere Energie produzieren, sie verbinden unternehmerisches Handeln mit sozialem Anspruch. Jung, hip und engagiert – das sind die Merkmale der neuen sozialen Bewegung, die derzeit starken Zulauf erhält. Laut einer aktuellen EU-Studie arbeiten mehr als elf Millionen Menschen im Bereich Social Business, jedes vierte neu gegründete Unternehmen zählt sich dazu. „Sei selbst der Wandel, den du in der Welt sehen willst“ – der Ausspruch von Mahatma Gandhi ist ihr unternehmerisches Credo.

„Die Energiewende ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und sie hat Auswirkungen über alle Grenzen hinweg“, sagt Henle. Aus diesem Grund reicht der Nachhaltigkeitsanspruch von Polarstern auch weit über unsere Grenzen hinaus. Das 2011 gegründete Unternehmen verknüpft den Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland mit einem Entwicklungshilfeprojekt in Asien. Für jeden Neukunden, den Polarstern in Deutschland gewinnt, bekommt eine Familie in Kambodscha Zugang zu regenerativer Energie. In Form von Hilfe zur Selbsthilfe unterstützt sie das Unternehmen beim Bau eigener Mikro-Biogasanlagen. „Ein Wechsel hier bedeutet zugleich einen Anfang dort“, erklärt Henle das Prinzip. „Uns geht es darum, dass unsere Privilegien auch den Menschen zugutekommen, die ansonsten meist keine andere Wahl hätten, als zulasten der Umwelt zu leben.“

ÜBERZEUGUNGSARBEIT MIT SOCIAL MEDIA

Polarstern will vor allem die Leute ansprechen, die mit Nachhaltigkeit und sozialem Engagement noch nicht so viel zu tun haben. Dazu nutzen die 15 Mitarbeiter vor allem das Internet und die vielfältigen Social-Media-Kanäle. In Chats und Foren wird über alte Weisheiten und neue Ideen diskutiert. „So können wir den Menschen bewusst machen, was für ein spannendes und wichtiges Thema die Energiewende ist“, sagt Henle abschließend. „Genauso wichtig ist es uns aber auch zu zeigen, dass Fair Trade sogar im Energiemarkt funktioniert.“

Die Beispiele zeigen: Über Apps und Social Media findet der grüne Wandel neue und schnellere Wege in die Öffentlichkeit. Das findet Zustimmung: „Was wir jetzt brauchen sind Ideen und Visionen, die uns aufzeigen, wohin die Reise gehen soll“, ermutigt Umwelt-Psychologe Hunecke, dann klappts auch mit dem grünen Wandel. Der Anfang ist gemacht. Jetzt liegt es an jedem Einzelnen – und eigentlich ist es ja ganz einfach.

Interview mit Prof. Dr. Marcel Hunecke

Der Bochumer Umwelt-Psychologe Prof. Dr. Marcel Hunecke spricht im Interview über notwendige Veränderungen, nachhaltige Verbesserungen – und die Chancen des Öko-Weltmeisters Deutschland.