Suchen

Die Selbstversorger

Energiekonzerne kämpfen um ein grüneres Image. Immer mehr Kunden ist das nicht genug: Sie produzieren Energie lieber selbst.

Selbst ist der Hausbesitzer: Die Energie für das eigene Heim in Eigenregie zu produzieren, ist heute durchaus möglich – zum Beispiel mithilfe von Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen auf dem Dach

Text: Marcel Bender
Fotos: Sebastian Kanert, Mike König, Privat

Fossile Energieträger sind endlich, die Atomenergie steht vor dem Aus – die Zukunft gehört den Erneuerbaren. Bereits heute decken Wind- und Wasserkraft, Solarenergie und Co ein Viertel der Bruttostromerzeugung in Deutschland ab, bis 2035 sollen es 55 bis 60 Prozent sein. Welchen langfristigen Einfluss das auf den Strompreis hat, ist nicht abzusehen. Viele wollen ihren Strom deshalb mit Photovoltaiklösungen, Mini-BHKWs und Co selbst produzieren – Energieautarkie ist das Zauberwort. Voraussetzung hierfür ist die Möglichkeit zur Speicherung dieser Energie, damit Heizungen und Lampen auch bei Nacht oder Windstille mit Strom versorgt sind. Doch wie lässt sich Energieunabhängigkeit vor dem Hintergrund verwirklichen, dass selbst moderne Speicherlösungen regenerativ erzeugte Energie nur einige Sekunden bis wenige Stunden halten können?

Erst vor Kurzem kündigte Elon Musk, Gründer des E-Auto-Entwicklers Tesla Motors, stationäre Akkus für Eigenheime an. Die Neuheit soll ab 2016 für den Durchbruch des energieautarken Wohnens sorgen. Die auf Lithium-Ionen-Basis arbeitenden Speicher konservieren überschüssigen Strom aus Generatoren wie Photovoltaikanlagen und stellen diesen nach Sonnenuntergang zur Verfügung, vergleichsweise kompakt und günstig. Ein erster Schritt, aber nach wie vor nicht ausreichend: Während der Großteil des Energiebedarfs ins kalte Winterhalbjahr fällt, liefern gerade Photovoltaikanlagen 80 Prozent ihres Ertrags im Sommerhalbjahr. Zudem ist die Kapazität eines Akkus für den derzeitigen Hausgebrauch noch nicht ausreichend.

Wärme schlägt Strom

Im Esszimmer erinnert nichts daran, dass das Haus von Timo Leukefeld vollständig energieautark versorgt wird. Einschränken muss sich die Familie nicht – intelligentes Energiesparen im Haushalt macht es möglich.

Timo Leukefeld nähert sich dem Problem aus einer anderen Richtung. Seit Jahren setzt sich der Energieberater dafür ein, weniger auf Strom- als vielmehr auf Wärme-Erzeugung zu setzen: „Ob beim Heizen oder unter der Dusche – der Energieverbrauch in den eigenen vier Wänden umfasst zu 80 Prozent Wärme“, so Leukefeld. Er träumt von kostengünstigen Speicherlösungen, in denen die Sonnenwärme über mehrere Monate konservierbar ist. Aus gutem Grund, denn Wärme lässt sich viel länger und verlustfreier speichern und besitzt einen höheren Wirkungsgrad als Strom.

Wie er seine Vision in der Praxis umsetzt, zeigt das eigene Beispiel. Seit 2013 wohnt der 45-Jährige mit seiner Familie in einem vollständig energieautarken Haus und produziert mithilfe von Photovoltaik- und Solarthermie-Modulen Strom und Wärme auf eigene Faust. Zur Speicherung nutzt der Experte große Wassertanks. Einschränken muss sich die vierköpfige Familie nicht: „Im Winter ist es bei uns 23 Grad warm, Lampen lassen wir auch mal länger als nötig brennen und mit unserem Elektroauto müssen wir nicht auf jeden Kilometer achten“, so Leukefeld. Mit Maßlosigkeit hat dies nichts zu tun: Während der durchschnittliche Energieverbrauch eines Einfamilienhauses bei etwa 5.000 kWh pro Jahr liegt, verbraucht die Familie nur etwas über 2.000 kWh. Möglich wird dies unter anderem durch energiesparende LED-Lampen und den Verzicht auf die verlustreiche Umwandlung wertvollen Stroms in Wärme für Waschmaschine und Geschirrspüler. Der technische Mehraufwand für eine vollautarke Versorgung ist jedoch hoch. Timo Leukefeld rät werdenden Selbstversorgern deshalb zum Kompromiss: „Bereits bei 70-prozentiger Beheizung mit Sonnenwärme verringert sich das benötigte Speichervolumen von 35 auf 9 Kubikmeter, die letzten 30 Prozent können dann mit Brennstoffen ergänzt werden.“ Auch die Zusatzkosten von etwa 90.000 Euro für einen komplett energieautarken Neubau sind so deutlich niedriger.

Netz mit Zukunft

Voraussetzung zum Durchbruch vollständiger Energieunabhängigkeit sind neben der Senkung des Stromverbrauchs kompaktere, günstigere und leistungsstärkere Lösungen zur Speicherung von Wärme. Vielversprechend sind etwa thermochemische Wärmespeicher mit Silikagel oder Zeolithen, die in der Lage sind, viermal mehr Wärmeenergie als Wasser aufzunehmen und diese verlustfrei über viele Jahre zu speichern. Denkbar ist die Installation auf Dachböden, direkt unter Solarthermie-Anlagen. Für Speicher auf Basis von Paraffin sprechen zudem der geringe Platzbedarf sowie ihre einfache und flexible Installation.

Doch auch mit der Etablierung besserer Speicherlösungen ist das klassische Stromnetz für Timo Leukefeld kein Auslaufmodell, sofern es sich an die Anforderungen einer energieautark lebenden Gesellschaft anpasst. Er schlägt eine gesetzlich gestützte, schrittweise Umstellung auf eine dezentrale Versorgung vor, die Energie dort produziert, wo die Menschen sie verbrauchen. „So stellt das Stromnetz die Versorgung bei Ausfällen sicher und ermöglicht es Hausbesitzern, überschüssige Energie zu verkaufen sowie nicht benötigte Speicherkapazitäten mit anderen Erzeugern zu teilen“, beschreibt der Experte. „Als Fundament für eine vernetzte Energieautarkie wird das öffentliche Netz also keineswegs an Bedeutung verlieren.“

Intelligent speichern

Mit dem Batteriespeicher eloPACK VSE-3/2 bietet Vaillant Hausbesitzern und Unternehmern die Möglichkeit, überschüssige Energie für den späteren Bedarf zu speichern. Das Produkt ist speziell auf Blockheizkraftwerke und Photovoltaikanlagen optimiert, aber ebenso kompatibel zu stromerzeugenden Anlagen mit Wind- und Wasserkraft. Das System ist mit den Kapazitäten von acht, zehn oder zwölf Kilowattstunden erhältlich.

Eva Zitta

Sprachwissenschaftlerin und Theaterregisseurin Eva Zitta zieht ab Sommer 2016 in einen energieautarken Bauwagen