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Der befreite Wielenbach: Mit dem WWF-Projekt „Lebendige Flüsse“ kommen unsere ökologischen Lebensadern wieder in Bewegung

 

„Panta rhei“ – alles fließt. Schon der griechische Philosoph Heraklit beschrieb damit, dass nichts bleibt, wie es ist. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen, weil er sich ständig verändert, immer in Bewegung ist – wie die Welt um ihn herum.

Doch diese Bewegung wird vielerorts von uns Menschen eingeschränkt und ausgebremst. Durch Staudämme, Wehre und technische Eingriffe verlieren Flüsse ihre Dynamik – und damit oft ihre wertvolle Funktion als ökologische Lebensader.

Am Wielenbach im Peitinger Ortsteil Birkland, mit malerischem Blick auf das bayerische Voralpenland, wurde diese Entwicklung nun umgekehrt. Lange Zeit war der Bach unterbrochen – durch ein Wehr, das über Generationen hinweg genutzt und gepflegt wurde.

Heute ist dieses Bauwerk Geschichte. Und der Wielenbach wieder in Bewegung. Durchgängig bis zu seiner Mündung in den Lech. Eine Seltenheit in Deutschland.

Warum Flüsse wieder fließen müssen

Flüsse gehören zu den am stärksten veränderten Ökosystemen Europas, auch in Bayern:

  • knapp 57.000 Barrieren durchziehen die Fließgewässer
  • rein rechnerisch ist alle 500 Meter ein Hindernis
  • nur etwa 10 % sind vollständig durchgängig
  • vier von fünf Fließgewässern verfehlen den guten ökologischen Zustand

Die Folgen sind sichtbar und spürbar: Die Wanderwege der Fische brechen ab, Lebensräume werden getrennt, Populationen geschwächt, Arten verschwinden. Was wie ein lokales Problem wirkt, ist ein globales Thema.

An dieser Stelle setzt die internationale „Dam Removal“-Bewegung an. Ihre Idee ist einfach: Flüsse wieder fließen lassen, indem Barrieren entfernt werden, die keinen echten Nutzen mehr haben. Der WWF Deutschland (die Abkürzung steht für World Wide Fund For Nature) als Gründungsmitglied des Netzwerks hat diesen Ansatz nach Deutschland gebracht und mit dem 2022 gestarteten Projekt „Lebendige Flüsse“ in die Praxis umgesetzt.

Eine entscheidende finanzielle Starthilfe kam aus einer ungewöhnlichen Quelle: dem „Traumtaler“, einem 1,5 Millionen Euro Gewinn aus der Deutschen Postcode Lotterie. Ein „Jackpot for nature“ für die konkrete Realisierung der Gewässerrenaturierung.

Auch der Heizungsspezialist Vaillant unterstützte das WWF-Projekt im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie SEEDS („Sustainability in Environment, Employees, Development & Solutions and Society“). Diese setzt sich unter anderem für den Erhalt der Biodiversität und für den Artenschutz ein.

Bisher konnten fünf Rückbaumaßnahmen realisiert werden, wodurch rund 20 km frei durchwanderbare Strecke entstanden sind. Derzeit befinden sich noch neun weitere Umbauten in Planung, die in diesem oder spätestens im nächsten Jahr umgesetzt werden sollen. Sie schaffen zusätzlich rund 70 km freie Fließstrecken. Eine davon ist der Wielenbach.

Ein Bach mit Vergangenheit

Der Wielenbach ist rund 15 Kilometer lang, sein Verlauf stellenweise noch sehr naturnah. Er ist ein Glücksfall: Nur zwei Querbauwerke unterbrechen seinen Lauf, ein Düker und ein Wehr – eine Barriere mit Geschichte. Seit 1887 wurde hier die Kraft des Wassers genutzt, um Trinkwasser für die Gemeinde Birkland zu fördern, zunächst mit einem Wasserrad, später mit einer Turbine.

Was technisch lange sinnvoll schien, wird heute differenzierter betrachtet. Gerade kleinere Wasserkraftanlagen leisten oft nur einen begrenzten Beitrag zur Energieversorgung, greifen aber gleichzeitig stark in ökologische Systeme ein. Auch am Wielenbach reichte das abgeleitete Triebwasser wegen häufiger Flauten oftmals nicht aus, um das Trinkwasser in den Hochbehälter zu pumpen, der das Siedlungsgebiet versorgt. Zur Sicherstellung einer durchgängigen Wasserversorgung setzte der zuständige Wasserbeschaffungsverband Birkland daher bereits ab 1962 auf ein zweites Standbein – einen Dieselmotor – der 1993 durch den Anschluss des Pumpenhäuschens an das öffentliche Stromnetz abgelöst wurde.

Für die Menschen vor Ort und den Wasserbeschaffungsverband als verantwortlichen Betreiber hatte das Bauwerk aber nicht nur eine Funktion – es war Teil der Geschichte. Das Wehr und die Pumpe wurden über Generationen gepflegt und mit viel Herzblut sowie ehrenamtlichem Engagement weiterentwickelt.

Aber alles fließt. Auch der Gewässerschutz kam in Bewegung.

Nach der EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) müssen Flüsse bis spätestens 2027 über freie Wanderwege für Fische und andere Gewässerorganismen verfügen, sofern dies für das Erreichen des ökologischen Zustands erforderlich ist. Da auch die Rechte zur Nutzung der Wasserkraft am Wielenbach nicht verlängert wurden, musste das Wehr weichen – was zunächst auf wenig Gegenliebe stieß.

Peitings Bürgermeister Peter Ostenrieder, WWF-Projektleiterin Sigrun Lange und WBV-Vorsitzender Reinhard Geiger überzeugen sich vom Rückbaufortschritt.

„Der Rückbau ist eine Zäsur – da hängt eben viel Herzblut dran. Aber wenn man es den Menschen erklärt, haben sie Verständnis dafür. Wir bringen damit neues Leben in den Bach“, betont Reinhard Geiger, Vorsitzender des Wasserbeschaffungsverbands (WBV).

Mit dem Projekt hat sich auch Peitings Bürgermeister Peter Ostenrieder intensiv auseinandergesetzt. Die Gemeinde hat freiwillig die Hälfte der Gesamtkosten von rund 200.000 Euro übernommen. „Das Wehr ist technisch entbehrlich und die Maßnahme ökologisch sinnvoll. Inwieweit die EU-Vorgaben in der Breite zeitnah umzusetzen sind, muss sich noch zeigen. Aber wir geben der Natur Raum zurück“, lautet sein Fazit.

Rückbau des Wehrs und Neubau einer Fischaufstiegsanlage für einen durchgängigen Fluss.

Zurück zum freien Fluss

Dieser Rückbau zeigt, wie sich Technik und Naturschutz verbinden lassen. Das Wehr wurde entfernt und durch eine Fischaufstiegsanlage ersetzt: Aus über 800 Tonnen Flussbausteinen entstand innerhalb von sechs Wochen Bauzeit eine 50 Meter lange raue Rampe, gestaltet als Raugerinne mit Beckenstruktur (eine künstliche Fischaufstiegsanlage, die ein größeres Gefälle durch eine treppenartige Folge von Becken und Steinstrukturen abbaut). Sie ermöglicht, was ein Fluss braucht: Durchgängigkeit.

 

Neue, elektrisch betriebene Pumpe im Wasserwerk zur effizienten Förderung des Quellwassers in den Hochbehälter.

Nur wenige Meter flussabwärts wurde zuvor ein quer laufender Düker beseitigt (eine einbetonierte Trinkwasserleitung), der für Fische unüberwindbar war.

Die Trinkwasserversorgung für die Birkländer erfolgt künftig also nicht mehr mittels Wasserkraft, sondern rein elektrisch. Zur Förderung des Quellwassers in den Hochbehälter wurde eine neue und deutlich effizientere Pumpe installiert, die mit Ökostrom betrieben wird.

Engagement, das bewegt

Sigrun Lange steht am Ufer des Wielenbachs und blickt zufrieden auf das Werk der Bagger. Für die Leiterin des Teams „Frei fließende Flüsse“ beim WWF ist der Rückbau weit mehr als ein abgearbeiteter Punkt auf der Projektkarte. Für sie ist es ein „Heimspiel“, bei dem fachliches Know-how und persönliche Überzeugung zusammenkommen.

Sigrun Lange am Wielenbach.

Lange ist bei Passau aufgewachsen, direkt an Ilz, Inn und Donau – und damit geprägt von unterschiedlichen Flusslandschaften. Seit über zwölf Jahren arbeitet die Biologin für den WWF in Weilheim, nur wenige Kilometer vom Wielenbach entfernt. Sie treibt den Rückbau von Gewässerbarrieren voran, bringt die betroffenen Parteien an einen Tisch, koordiniert, leistet Überzeugungsarbeit und schafft Vertrauen.

Für dieses Engagement wurde Sigrun Lange mit der Bayerischen Staatsmedaille für herausragende Verdienste um die Umwelt ausgezeichnet.

Was sie dabei immer wieder erlebt: Veränderung beginnt nicht mit Bauarbeiten, sondern mit Verständnis. „Man muss die Menschen mitnehmen, sie an Orte wie den Wielenbach bringen, um Natur erlebbar zu machen. Man muss eine Verbindung zum eigenen Naturraum herstellen – nur so weckt man Verständnis und Begeisterung“, ist Sigrun Lange überzeugt.

Hier am Wielenbach ist das eindrucksvoll gelungen. „Verband, Kommune, Behörden, Fischerei und Naturschutz – alle Beteiligten haben sich eingebracht und an einem Strang gezogen. Genau solche positiven Leuchtturmprojekte im `Kleinen´ brauchen wir, um zu zeigen, dass Veränderung `im Großen´ möglich ist“.

Sigrun Lange und das Weilheimer WWF-Team arbeiten an mehreren Projekten zum Thema Gewässerschutz und Gewässerrenaturierung, um die Menschen in die Natur – und die Natur in die Köpfe der Menschen zu bringen.

Dafür bleiben sie immer in Bewegung. Damit alles fließen kann. Wie der befreite Wielenbach.

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