Berg Boutmezguida
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Die Nebelfänger: Trinkwasser aus Nebel

 

2050 drohen zwei Drittel der Bevölkerung akute Wassernot. Über eine Milliarde Menschen haben bereits heute keinen Zugang zu einer Quelle, einem Brunnen oder Leitungssystem. In einigen Regionen mit Wasserknappheit gibt es eine günstige und einfache Lösung: das Melken von Nebel durch Nebelfänger.

Installation der AnlageVon Weitem erinnert die Konstruktion auf dem Berg Boutmezguida in Marokko an Solarkollektoren. Nur dass hier im Antiatlas-Gebirge in 1.200 Metern Höhe keine Wärme gesammelt, sondern Wasser gewonnen wird: aus der Luft, aus feinsten Nebeltröpfchen. Denn hier sind Nebelfänger am Werk.

Wie funktionieren Nebelfänger?

In der Region regnet es selten und in Dürrezeiten trocknen die Brunnen schnell aus. Aber: An den Hängen des Gebirges bildet sich durch die Küstennähe und besondere Windverhältnisse häufig Nebel. Die Schwaden verfangen sich an den großen Netzen aus Kunststoffgewebe, verdichten sich zu Tropfen und fließen dank der Schwerkraft in Rinnen ab. Per Leitungssystem gelangt das Wasser in die umliegenden Dörfer des Tals und versorgt derzeit rund 900 Personen – Nebelfängern sei Dank.

 

Das Projekt der deutschen Wasserstiftung in Marokko ist nur ein Beispiel für Nebelnetze bzw. Nebelfänger, die weltweit Wasser aus der Luft zapfen. Auch im Osten Afrikas, Südamerika und im mittleren Osten wird der wasserreiche Nebel genutzt. „Für das Prinzip der Nebelfänger eignen sich in der Regel hoch gelegene subtropische Gebiete, in denen es selten regnet und andere Wasserreserven nicht leicht zu erschließen sind“, erklärt Otto Klemm, Nebelforscher an der Universität Münster.

WeltkarteDoch nicht immer nimmt die Bevölkerung die Hilfestellung so gut an wie in Marokko, weiß der Forscher: „Wir greifen oft in jahrhundertealte Traditionen ein. Frauen in bestimmten Regionen definieren ihre Rolle auch anhand ihrer Aufgabe, Wasser zu tragen. Hier gilt es, vorsichtig neue soziale Strukturen zu schaffen.“

Nebelkollektoren nehmen die Natur zum Vorbild

Die Idee des Nebelmelkens entstand bereits vor zwanzig Jahren in Kanada. Allerdings ist die Qualität des Netzes von großer Bedeutung für den Erfolg. Schließlich sind sie jederzeit dem Wetter ausgesetzt und dürfen bei zu starken Böen nicht reißen. Daher beschäftigen sich weltweit Textilforscher mit der Frage nach dem bestmöglichen Material für Nebelfänger.

Nebelschwaden

Vorbild für viele unter ihnen ist die Natur. So senkt beispielsweise der Nebeltrinker-Käfer in der Namib-Wüste seinen Kopf bei Nebel und nimmt mit seinem strukturierten Rücken die kondensierten Wassertröpfchen auf. Zu einem großen Tropfen angewachsen, rutschen sie direkt und bequem in seinen Mund. „Nebel optimal zu fangen ist hochkomplex“, so Otto Klemm. „Das Material muss nicht nur möglichst viel Flüssigkeit aufnehmen, sondern auch in der Lage sein, es rasch abfließen zu lassen. Sonst verstopft das Netz. Es muss also gleichzeitig die Tropfen gut sammeln und wasserabweisend sein, das ist die Herausforderung.“

Nebelfänger: Hightech für die beste Ausbeute

Installation der Wasserleitung

Eine Herausforderung, der sich auch die Projektmacher der deutschen Wasserstiftung in Marokko stellten. Das Team rund um Forscher Peter Trautwein von Aqualonis installierte im Antiatlasgebirge mit 1.590 Quadratmetern die derzeit größte Cloudfisher-Anlage der Welt. „Cloudfisher“ (dt. Wolkenfischer) so nennt die Stiftung die Nebelkollektoren, die sie gemeinsam mit dem Projektpartner Aqualonis entwickelt hat. Dafür wurden in den ersten Jahren verschiedene Gewebetypen getestet.

Der heute verwendete Cloudfisher besteht aus einem dreidimensionalen und 15 Millimeter starken Polyester-Geflecht. Als Verstärkung dient ein in Dreiecken angelegtes Kunststoffgitter. Der Kollektor ist wartungsarm und hält Windstärken von bis zu 120 Stundenkilometern stand.

Nebelfänger sichern den Wasserbedarf kleiner Gemeinden

Die CloudFisher-Anlage in Marokko ist mittlerweile an die lokale Bevölkerung übergeben worden. Dafür ist die Gemeinschaft von der Wasserstiftung geschult worden. Die Nebelkollektoren liefern für rund 1.250 Menschen und eine Schule Trinkwasser sowie Wasser für den landwirtschaftlichen Anbau und ca. 7.000 Nutztiere.

Durch die Nebelkollektoren können bis 18 Liter Wasser pro Tag pro Familienmitglied Wasser konstant zur Verfügung stehen. Bleibt Wasser übrig, dürfen die Familien es frei verwenden, für die Viehtränke oder für die Bewässerung von kleinen Anbauflächen beispielsweise. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der pro Kopf Verbrauch im Schnitt bei 127 Litern pro Tag.

Wasser aus Nebel ist preiswert, umweltschonend und praktisch

Nebelfänger„Das Nebelmelken ist keine Möglichkeit, um Trinkwasser für die Massen bereitzustellen“, resümiert Otto Klemm. „Für einige arme, entlegene Regionen der Erde aber ist die Lösung preiswert, umweltschonend und praktisch.“ Peter Trautwein von der deutschen Wasserstiftung ergänzt: „In trockenen Gebieten ohne Brunnen, aber mit Küstennebel sind Nebelnetze schon heute die einzige Alternative. Eine hochwertige außerdem: Die Wasserqualität im Süden Marokkos entspricht unseren Analysen zufolge dem WHO-Standard.“

Die deutsche Wasserstiftung hat auch in Tansania und in Bolivien weitere Regionen mit CloudFisher-Anlagen ausgestattet. Ein Projekt in Peru soll in 2023 starten.

Fotos: Wasserstiftung
Wer die Wasserstiftung und die Cloudfisher-Projekte unterstützen möchte, kann an die Wasserstiftung spenden.

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11 Kommentare

Rita Krämer -Wentzler

Eine geniale Idee ?Danke, für unsere Kinder und Enkelkinder. Bleibt nur zu hoffen, dass die Politiker der Welt es auch umsetzen .

Josef Stadelmann

Eine gute Idee, aber es müssten noch zwei drei Blinklichter auf Halbleiterbasis mit PV Modul und Batterie ran damit die Vögel es sehen und ausweichen können. Sonst gibts wieder Tote dank Nebelnetz.

von Lautz, Horst R.

Sehr guter Artikel! Hat mich auf die Idee gebracht, das eine oder andere Foto in mein geplantes Kinder-Vorlesebuch aufzunehmen. Dabei geht es um die Verwendung von Netzen als Sieb für das filtern von “Sonnenstaub” aus der Luft. Ich bitte um Ihre Genehming.

Hellgate

ich finde diese Idee toll und habe schon seit geraumer Zeit jemanden am suchen mit gleichen Interessen. Ich bin froh dass ich hier schonmal einen Kommentar hinterlassen darf und hoffe dass ich diesmal auch eine Antwort auf meine Frage bekomme? Ich würde gerne in irgendeiner Art und Weise mitmachen, oder auch eigenständig später mal wenn alles so sein sollte…! Aber- da ich erst seit kurzem in den medialen Bereich tätig sein kann habe ich mich erst jetzt zurecht gefunden und eine spendenkampagne eröffnet – einfach weil ich mich u.a mit diesem Thema schon eine ganze Weile beschäftigen. da ich Schreiner gelernt habe bin ich handwerklich auch begabt das hilft in diesem Bereich umso mehr! ich hoffe ich habe Interesse geweckt- Was Idee und Projekte einmal betreffen kann. Ich denke damit möchte ich herzlich danken- für die tolle Beschreibungen und Bilder! Ich wünsche dass sie es weiterhin, noch oft so gut haben und weiter helfen können 💕viel Glück dafür! Bis dahin wünsche ich allen die das lesen allerbeste Gesundheit mit freundlichstem Gruß von S. Tucker

Holger Schön

Ich finde es eine super Idee. Das neue Techniken von der Bevölkerung angenommen werden muss ist wichtig. Das geht nur über Gespräche und Schulung der Menschen vor Ort. So lernen sie auch die Geräte zu bedienen und zu reparieren.
Was ich gerne wissen möchte:
Kostet das Wasser etwas? Nur was einen Wert hat wird auch geschätzt und nicht verschwendet.

Muss das Wasser noch nachbereitet werden ( Filtern oder abkochen?)

Wenn ja gefiltert, welche Filter kommen zum Einsatz?

Weiterhin viel Erfolg

21 grad Redaktion

Hallo Holger,

danke für Deine Nachricht. Es freut uns, dass Dir der Artikel und das Projekt gefällt. Mehr Informationen zu dem Projekt in Marokko findest du auf der Website der WasserStiftung: https://www.wasserstiftung.de/marokko-mount-boutmezguida/.

Viele Grüße
Jacqueline vom 21grad Team

Niki

Hallo, ich finde den Artikel äusserst interessant. Ich hatte jedoch nach aktuelleren Daten gesucht. Im Artikel steht, dass das Ergebnis zu den besten Materialien vermutlich im Juli 2016 vorliegt. Ich finde aber keine Informationen dazu. Gibt es seit dem keine Neuheiten?

21 grad Redaktion

Hallo Niki,

vielen Dank für Deine Nachricht und entschuldige bitte die späte Rückmeldung. Deine Nachricht ist bei uns leider untergegangen.
Nach der erfolgreichen Pilotierung wurden 2017 30 Nebelfänger installiert und für 2018 waren weitere 15 geplant. Aktuelle Details zum Projektstand sind uns leider nicht bekannt, aber schau doch gerne mal hier vorbei: https://www.aqualonis.com/morocco
Vielleicht findest Du dort noch ein paar weitere Infos. Vielen Dank für Dein Interesse an dem Thema.

Liebe Grüße,
Jacqueline vom 21grad Team

Monika Hellmann

Gibt es auch einen Nebelfänger für den Garten?

21 grad Redaktion

Hallo Monika,

vielen Dank für Dein Interesse und Deine Nachricht. Leider sind uns Nebelfänger für den eigenen Garten nicht bekannt. Vielleicht wird es sowas aber in Zukunft geben.

Liebe Grüße,
Jacqueline vom 21grad Team

Rolof Drager

Hallo Monika – es gibt dazu einen Ansatz von youtuber desertsun02 “DIY Fog Fence! New Design!! Hi-Efficiency Fog Net!”
Viel Spass beim basteln

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