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Wohnen aus dem Drucker

 

Ganze Wände entstehen Schicht für Schicht aus einer Düse – fast wie bei einer gigantischen Softeis-Maschine, nur dass Beton statt Vanilleeis hochgezogen wird. Genau so macht Lünen Druck für bezahlbaren Wohnraum.

Erschwinglicher Wohnraum ist knapp, der Druck auf die Bau- und Wohnungswirtschaft hoch. Gleichzeitig sollen Gebäude klimafreundlicher, schneller und effizienter entstehen. Klingt nach einem Spagat? Im westfälischen Lünen weist ein innovatives Projekt den Weg, wie das gelingen kann – mit einer Bauweise, die noch vor wenigen Jahren wie Zukunftsmusik klang.

Hier steht das erste öffentlich geförderte Mehrfamilienhaus aus dem 3D-Drucker. Die Kaltmiete: sechs Euro pro Quadratmeter. Möglich wurde das auch durch die umfassende Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Ein klares Signal: Wer neue Wege geht, um Wohnraum zu schaffen, erhält Rückendeckung.

Vom digitalen Modell zum fertigen Mehrfamilienhaus in Rekordzeit

Gerundete Ecken und horizontale Betonschichten lassen den 3D-Druck erkennen (Bild: PERI 3D Construction)

Das Gebäude der Wohnungsbaugesellschaft Lünen umfasst drei Geschosse mit sechs barrierefreien Wohnungen zwischen 61 und 81 Quadratmetern. Die Wände des Erdgeschosses und der ersten Etage wurden im Herbst 2023 in nur 118 Stunden reiner Druckzeit hergestellt. Danach folgte ein Dachgeschoss in  nachhaltiger Holz-Hybrid-Bauweise, während Gründung und Decken klassisch ausgeführt wurden. Bereits ein Jahr nach Projektstart konnten die ersten Bewohner einziehen. Ein Tempo, das zeigt, welches Potenzial in effizienteren Bauprozessen steckt.

Automatisiert gedruckt, menschlich begleitet

Beim Bau der Wände kam ein robotergesteuerter Portaldrucker zum Einsatz, der den Beton Schicht für Schicht präzise aufträgt. Auch wenn der Drucker automatisiert auf Basis eines digitalen Modells arbeitet, bleibt der Prozess steuerbar: Der Projektleiter kann ihn jederzeit über Laptop oder Tablet überwachen und bei Bedarf eingreifen.

Der 3D-Druckbeton ist ein mineralisches Material und zu 100 % recyclebar. © Detlef Podehl

Während des Drucks sind zudem zwei bis drei weitere Personen eingebunden. Sie platzieren Wandanker oder Leerrohre für Elektrik und Haustechnik direkt im extrudierten, noch formbaren Beton.

Die automatisierte Technik übernimmt also vor allem die körperlich belastenden und gleichförmigen Arbeitsschritte des Wandaufbaus, während nur wenige Fachkräfte erforderlich sind, um den Prozess zu begleiten und einzugreifen, wenn es der Baufortschritt erfordert.

Außen sichtbar innovativ, innen ganz vertraut

Die Fassadenstruktur im Erdgeschoss und im Obergeschoss behält die ursprüngliche gedruckte Betonstruktur. © Detlef Podehl

Und wie lebt es sich in einem 3D-gedruckten Haus? Überraschend normal. Innen erinnert wenig an den ungewöhnlichen Bauprozess: Die Wände wurden bereits beim Drucken geglättet und anschließend klassisch verputzt. Außen dagegen zeigt das Haus, wie es entstanden ist. Sanft gerundete Ecken und unverkleidete Fassadenbereiche mit horizontalen Betonschichten von rund einem Zentimeter Höhe machen den Druckprozess ablesbar. Ruhig, modern und ohne Effekthascherei.

Weniger Material, mehr Wirkung

Beim Bauen zählt umwelt- und kostentechnisch jeder Kubikmeter Material. Der eingesetzte 3D-Druckbeton von Heidelberg Materials ist vollständig recycelbar und enthält ein Bindemittel, das im Vergleich zu reinem Portlandzement rund 55 Prozent CO₂ einspart. Hinzu kommt die Materialeffizienz des Verfahrens: Gedruckt wird präzise und kontrolliert, sodass Beton nur dort eingesetzt wird, wo er konstruktiv notwendig ist. Die entstehenden Wandhohlräume wurden in Lünen mit Perlit verfüllt, einem leichten, mineralischen Dämmstoff.

Energieversorgung, die zum nachhaltigen Konzept passt

Bild: Vaillant

Doch ein Gebäude ist nur so nachhaltig wie sein Betrieb. In Lünen setzt man deshalb auf Solarstrom vom eigenen Dach. Eine Photovoltaikanlage mit Stromspeicher versorgt die Bewohner über ein Mieterstrommodell direkt mit Strom. Beheizt wird das Gebäude über Fernwärme. Gerade in urbanen Quartieren kann das ein sinnvoller Weg sein, die Wärmewende lokal voranzubringen. Welche Rolle dabei die kommunale Wärmeplanung spielt, erklären wir auf unserer Ratgeberseite zum Wärmeplanungsgesetz (WPG) verständlich und praxisnah.

Gleichzeitig gilt: Fernwärme ist nicht überall verfügbar und nicht immer die optimale Lösung. Wer neu baut und sich grundsätzlich mit zukunftssicheren Heizlösungen beschäftigen möchte, findet im Ratgeber „Heizen im Neubau“ eine gute Orientierung.

Warum sich der Blick nach vorn lohnt

Die Baubranche steht unter Druck: steigende Kosten, Fachkräftemangel, wachsender Wohnraumbedarf. Projekte wie das in Lünen zeigen, dass neue Bauweisen Teil der Lösung sein können. Mit zunehmender Erfahrung, technologischem Fortschritt und mehr Standardisierung werden Prozesse effizienter – und perspektivisch auch günstiger. Baukosten ab etwa 2.900 Euro pro Quadratmeter sind jedoch bereits heute Realität.

Fazit: Ein Mutmacher für die Bauwende

Das Projekt in Lünen macht Mut. Es zeigt, dass innovatives Bauen und sozialer Wohnraum kein Widerspruch sind. Die Förderung durch das Land Nordrhein-Westfalen setzt dabei ein wichtiges Zeichen: Um schneller und mehr zu bauen, braucht es Offenheit für echte Innovation – und den Willen, sie heute schon auszuprobieren. Natürlich ist der 3D-Druck kein Allheilmittel. Aber er ist ein vielversprechendes Element in einem Baukasten, mit dem lebenswerte, klimafreundliche Gebäude entstehen können.

Was meint Ihr?

Könntet Ihr Euch vorstellen, in ein „gedrucktes“ Haus zu ziehen, wenn die Kosten und der Komfort stimmen? Oder ist Euch die klassische Stein-auf-Stein-Bauweise lieber?

Teilt Eure Gedanken in den Kommentaren – wir sind gespannt auf Euere Perspektiven!

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