Leben im Minihaus
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Die Natur als Wohnzimmer: Leben im Minihaus

 

Der Trend „Tiny Houses“ ist aus den USA bei uns angekommen. Die Minihäuser bieten alles, was man zum Leben braucht – auf engstem Raum zwar, aber für wenig Geld. Svenja Nette und Patrick Theinert bauen sich jeweils eins und unterstützen den anderen dabei. Wir haben die beiden auf Svenjas Baustelle in Spenge bei Bielefeld besucht.

Svenja, Patrick, warum muss es für Euch ein Minihaus sein?

Svenja NetteSvenja: Ich fand die Idee von einem mobilen Wohnort, den man einfach ins Grüne stellen kann schon immer gut. Irgendwann wurde diese Idee konkreter und wie es der Zufall so wollte, hab ich einen günstigen Anhänger gesehen und beschlossen: Jetzt baue ich mir einfach mein Häuschen auf 15 Quadratmetern.
Patrick: Ich mag Architektur und finde es spannend, mein Tiny House selbst zu entwerfen. Den Ausschlag gab aber der Wunsch nach Flexibilität.

Wie hat Euer Umfeld reagiert?

Svenja: Interessiert. Unsere Familie packt auch mal mit an. In der Maschinenbaufirma meines Vaters zum Beispiel kann ich die Infrastruktur nutzen, zuschneiden und sägen.

Was kostet Euch das Ganze?

Patrick: Ich baue etwas größer auf 30 Quadratmetern und nehme rund 18.000 Euro in die Hand.
Svenja: Ich rechne für ein halbwegs bewohnbares Baustadium mit etwa 10.000 Euro.

Svenja, Dein Haus ist am weitesten fortgeschritten, es hat schon die Wände und das Dach, was ist Dir bei Deinem Projekt wichtig?

Svenja NetteSvenja: Umweltverträgliche Materialien zum Beispiel. Ich verwende ausschließlich unbehandelte Hölzer vom Holzhändler, Lärche, Fichte, Tanne, Jute-Hanf-Gemisch als Dämmstoff und Doppelstegplatten. Ganz aus Holz ist zwar machbar, aber recht herausfordernd, denn das Maximalgewicht eines PKW-Anhängers von 3,5 Tonnen dürfen wir nicht  überschreiten.

Ihr baut seit gut einem Jahr am Wochenende, was war bisher die größte Herausforderung?

Svenja: Sich nicht zu verzetteln. Es gibt sehr viele Details zu beachten und man kann einfach nicht gleichzeitig über die Dusche, Küche oder eine Terrasse nachdenken. Und ich habe gelernt, aufzuhören, wenn ich nicht mehr klar denken kann.
Patrick: Wir haben zum Beispiel einmal abends auf Biegen und Brechen den Boden noch zu Ende verlegt und dann am nächsten Morgen festgestellt, dass alles schief und krumm war.

Habt Ihr in dem Moment überlegt, aufzugeben?

Svenja: Ich habe mich durchaus ab und an gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Aber dieser Gedanke wird dann auch wieder abgelöst durch den an das Ergebnis. Den Boden damals haben wir einfach nochmal rausgerissen und neu verlegt.

Ihr seid beide keine Architekten oder Ingenieure – wie plant Ihr überhaupt?

Patrick Theinert Patrick: Teils mit einer Architektursoftware im Vorfeld und Papier und Maßband vor Ort. Wir versuchen, so viel wie möglich vorher zu durchdenken, unvorhergesehene Probleme auf der Baustelle gibt es immer noch genug.

Wie sieht es mit Wasser, Strom, der Toilette und einer Heizung aus?

Svenja: Die Toilette wird ein Kompostklo, Strom möchte ich per Photovoltaik gewinnen, Wasser ist ein schwierigeres Thema, aber steht gerade noch nicht an. Heizen werde ich wahrscheinlich mit einem kleinen Ofen.
Patrick: Ich plane, später auf einem Grundstück zu stehen, an dem es die üblichen Anschlüsse für Wasser, Abwasser und Strom gibt. Ich werde mein Minihaus voll ausstatten und möchte zum Heizen eine kleine Wärmepumpe nutzen.

… eine umweltverträgliche Art zu heizen! Habt Ihr weitere Ideen, grüner zu wohnen?

Patrick: Wir schauen uns viel um und ziehen zum Beispiel Recycling-Duschen in Betracht: Sie nutzen das Wasser mehrfach durch Filter und Kreislaufsysteme.
Svenja: Dadurch, dass Tiny Houses fundamentfrei zu errichten sind und somit sehr wenig in das Grundstück, auf dem sie stehen, eingreifen, sind sie potentiell umweltschonender als andere Bauweisen.

… Eure Utopie für das Wohnen der Zukunft?

Svenja: Auf jeden Fall eine sinnvolle Alternative. Die ja aber auch bereits schon viel Geschichte hat, wenn man sich zum Beispiel mal die Bauwagen-Community anschaut.
Patrick: Uns ist natürlich bewusst, dass das keine Lösung für jedermann ist, das unabhängige, reduzierte und günstige Wohnen ist aber auf jeden Fall ein spannendes Modell, das ja für den Sozialbau im Gespräch ist. Und ich baue im Gegensatz zu Svenja modular auf 30 Quadratmetern: 15 Quadratmeter fest, die anderen mobil. Das ist beliebig erweiterbar und dann auch für mehr Menschen denkbar. Außerdem hat man ja auch noch die Natur als Wohnzimmer.

Noch darf man in Deutschland nicht dauerhaft in einem kleinen Haus wohnen, wie löst Ihr das Problem?

Patrick: Wir werden beide noch in der Stadt ein Zimmer oder eine kleine Wohnung als Dauerwohnsitz anmelden. Baurechtlich ist es generell nicht unkompliziert, aber jede Kommune handhabt es anders und wir sind optimistisch, Flächen für uns zu finden.

Wann sind Eure Häuser fertig und wo möchtet Ihr am liebsten wohnen?

Patrick: Ich starte erst und kann das noch nicht absehen. Mein Traum ist ein Tiny House an einem einsamen Fleckchen an der Ostsee.
Svenja: Etwa in einem Jahr. Dann könnte ich mir gut vorstellen, dass ich auf einem Hof wohne, in der Nähe von Berlin.

Ihr wollt Euch selbst ein Tiny House bauen? Hier findet Ihr Tipps:


Noch mehr Ideen für Tiny Houses für jeden Geldbeutel:

Zukunftsweisend: Das Haus des Architekten Van Bo Le-Mentzel
6,4 Quadratmeter mit Bett, Schreibtisch, Dusche, WC, Kochgelegenheit und nur 100 Euro Miete im Monat. Das kleine Architektenwunder ist an der Tiny University  entstanden und soll in Städten günstigen Wohnraum bieten für Flüchtlinge oder Studenten zum Beispiel.

Große Kunst: Raumwerk Immobilien
Die Mannheimer Architekten verbinden ansprechende Architektur und Funktionalität. So entstehen moderne Häuser, die für zeitgemäßes Wohnen stehen.

Das Haus auf dem Flachdach: Wohncontainer24
Wohncontainer24 bietet „WohnCubes“ an, die flexibel aufstellbar und untereinander kombinierbar sind. Das Besondere: Sie lassen sich auf nahezu allen Flachdächern integrieren – und sollen so der Wohnungsnot in den Städten begegnen.

Gar nicht hölzern: Ecohome 4.2
Das Konzept von Ecohome 4.2 soll vorwiegend Singles, Paare und Alleinerziehende ansprechen. Für die Zielgruppe entstehen „Tiny Houses“ aus Massivholz, die smart, energieeffizient und allergiegerecht gebaut sind.

Leben im Container: Living container
Das österreichische Unternehmen fertigt Wohnmodule aus generalüberholten 40-Fuß-Schiffscontainern und sorgt mit einer speziellen Dämmung für Wärmespeicherung und gewährleistet Überhitzungsschutz. Das Konzept ist vor allem für Studenten eine günstige Alternative zu den hohen Mietpreisen in den Städten.

Die Hütte zum Mitnehmen: Waipol
Waipol hat sich auf die Herstellung von Trekking-Hütten und Ferienchalets spezialisiert, die sich bequem mit in den Urlaub nehmen lassen. Die Stelzenkonstruktion sorgt für einen problemlosen Auf- und Abbau vor Ort – ganz ohne Fundament.

Futuristisch: Loft Factory
Nach dem Vorbild des deutschen Designers Werner Aisslinger entstehen in der Loft Factory individuelle Wohnräume, die mit hochwertigen Materialien ausgestattet sind und Individualität, Nachhaltigkeit und Funktionalität verbinden.

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4 Kommentare

Family Home Verlag

Zwei sehr sympathische Menschen, die sich hier einer interessanten und fordernden Aufgabe stellen. Es würde mich freuen zu erfahren, wie es um die Alltagstauglichkeit der beiden Minihäuser bestellt ist. Hoffe, da kommt in Zukunft noch was.

21 grad Redaktion

Lieber Family Home Verlag,

schön dass Euch das Thema gefällt. Danke für das Feedback. Wir waren auch fasziniert von den beiden und ihren Projekten und sind selber sehr gespannt, wie es hiermit weitergeht. Wenn sich die Möglichkeit ergibt und Svenja und Patrick einverstanden sind, werden wir gerne noch einmal vorbeischauen, wenn die Minihäuser fertig sind.

Liebe Grüße
Euer 21 grad Team

Hans-Jürgen Gruner

Diese Idee ist zwar interessant, aber wenn man Komfort haben oder die Umwelt schützen will, nicht umsetzbar, weil zu kurz gedacht und nur möglich wenn man niemals eine Familie gründen möchte !

21 grad Redaktion

Hallo Hans-Jürgen,

danke für Deinen Kommentar. Du hast recht, ein Minihaus ist nicht für alle Lebenssituationen gleich gut geeignet. Sicherlich ist dieses Konzept für eine größere Familie deutlich schwieriger zu realisieren als für eine alleinstehende Person. Trotzdem ein sehr spannendes Projekt, wie wir finden.

Liebe Grüße
Dein 21 grad Team

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