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Wie wir den Plastikmüll im Meer wieder loswerden

 

Mitten im Ozean sammeln sich Plastiktüten, Kunststoffteile und PET-Flaschen in gigantischen Abfallstrudeln. Nun gibt es vielversprechende Ansätze, um den Plastikmüll im Meer nicht nur umweltverträglich, sondern sogar gewinnbringend zurückzuholen.

Nach fünf Tagen auf See warfen die Forscher ihre Netze aus. Der Fang bestätigt ihnen, dass sie die richtige Stelle entdeckt hatten: Plastikmüll, in allen Formen und Farben. „Es war, als wären wir Goldgräber und hätten unsere ersten Nuggets gefunden“, schreibt Patrick Deixonne später ins Logbuch. Denn der Müll, den der französische Gründer des Forschungsnetzwerks Ocean Scientific Logistic aus dem Pazifik fischte, ist Teil des „siebten Kontinents“ – einem dreißig Meter dicken Teppich aus Plastikabfällen, dessen Ausmaße in etwa der Fläche von Mitteleuropa entsprechen. Entdeckt hat ihn der Meeresforscher Charles Moore bereits 1997. Heute ist bekannt, dass es mindestens vier weitere Müllstrudel gibt, die sich an den Strömungslinien der Ozeane gebildet haben.

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© Getty Images

Mikroplastik gibt Rätsel auf

Nicht nur Patrick Deixonne lässt der Plastikmüll im Meer nicht mehr los. „Wir haben innerhalb von ein paar Jahrzehnten ein Problem geschaffen, für das es im Vergleich zu anderen Umweltbelastungen absolut keine Rechtfertigung gibt“, sagt Dr. Lars Gutow, Meeresbiologe am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Der Forscher beschäftigt sich mit Mikroplastikpartikeln – winzige Teilchen, die unter anderem in Peeling-Cremes, Duschgelen oder Mikrofasern wie Fleece verarbeitet sind. Weil die meisten Kläranlagen sie nicht aus dem Abwasser herausfiltern können, gelangen sie zunächst in die Flüsse und von dort ins Meer. Eine zentrale, bislang nur zum Teil geklärte Frage ist, wie sich die Partikel in verschiedenen Organismen verhalten. „Wenn wir das wissen, können wir besser einschätzen, welche Folgen die Plastikverschmutzung für die Meere, ihre Bewohner und damit auch für uns hat.“ Klar ist: Kunststoff enthält Weichmacher, die in bestimmten Konzentrationen gesundheitsschädlich sind.

Maritimer Müllsammler

Während die Forscher an einer Methode arbeiten, um die Verschmutzung zu messen, wachsen die Müllteppiche weiter. Mehr als acht Millionen Tonnen Plastik kommen jedes Jahr hinzu. Längst sind die schwimmenden Abfälle auch zu einem Kostenfaktor geworden: Scharfkantige Plastikteile beschädigen Schiffsschrauben oder sorgen im Wasserkreislauf von Kraftwerken für Störungen. In Küstennähe sammelt sich der Abfall auf Weiden und an Stränden und muss aufwändig entfernt werden. Auch deshalb wächst das Interesse, die Meere vom Müll zu befreien.

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© One Earth – one Ocean

Müll im großen Stil einsammeln will zum Beispiel Günther Bonin mit seiner Organisation „One Earth – One Ocean“. Gemeinsam mit Schiffsbauern entwickelt der Unternehmer Katamarane, die das Plastik in Netzen sammeln, sortieren und zerkleinern. An Land wird es umweltschonend in Erdöl umgewandelt oder in den Produktionszyklus zurückgeführt. Für Bonin sind die Katamarane allerdings nur der erste Schritt auf dem Weg zu einer maritimen Müllabfuhr. Seine Vision: hochseetaugliche, mit Solar- oder Windkraft betriebene Abfallsammelschiffe, die Plastik selbstständig aus dem Wasser fischen und ihre vollen Netze mit Bojen und Peilsendern im Meer ablegen. So könnten die Reste von Tankern eingesammelt und direkt vor Ort in Leichtöl umgewandelt werden. Aus einer Tonne Plastik ließen sich so bis zu 900 Liter Öl gewinnen.

„Jeder Ansatz ist wertvoll“, urteilt Lars Gutow. Allerdings sieht der Meeresbiologe die größte Herausforderung darin, Plastikmüll im Meer großflächig einzusammeln, ohne dabei das ökologische Gleichgewicht zu stören. Das gilt insbesondere für Mikroplastikpartikel. „Um sie aus dem Wasser zu holen, müsste man mit sehr feinen Netzen arbeiten. Damit würde man jedoch auch unzählige Mikroorganismen herausfischen. Der Schaden wäre größer als der Nutzen.“

Plastik statt Plankton

Eine Alternative hat der junge Niederländer Boyan Slat entwickelt. Die Idee der „Ocean Cleanups“ entstand 2011 während eines Schulprojekts und basiert auf schwimmenden, am Meeresboden verankerten Müllschluckern, die einem Mantarochen ähneln. Die Filteranlagen besitzen Ausläufer, die den Plastikmüll im Meer mithilfe der Strömung in große Auffangbecken leiten sollen.

Diese passive Fangmethode hat einen entscheidenden Vorteil: „Wir benötigen keine Netze und haben deshalb auch keinen unerwünschten Beifang“, erklärt Boyan Slat auf seiner Website. „Nur die Plastikpartikel bewegen sich entlang der Ausläufer allmählich zu den Filtern. Das Plankton fließt dagegen einfach weiter, weil es eine ähnliche Dichte wie Wasser besitzt.“ Ob das System funktioniert, testet ein Team aus rund 50 Ingenieuren, Studenten und Meeresexperten derzeit in einer Machbarkeitsstudie. Fällt sie positiv aus, hofft Boyan Slat, den Müllteppich im Pazifik binnen fünf Jahren abzutragen. Und dabei auch noch Geld zu verdienen: Denn der Gegenwert der recycelten Rohstoffe wäre vermutlich höher als die Kosten für den Bau der Meeres-Müllschlucker.

So unterschiedlich die Ansätze sind, eins haben sie gemeinsam: Sie begreifen Plastik als Rohstoff, der sich in Energie oder neue Produkte umwandeln lässt. Genau der richtige Weg, so Lars Gutow: „Stellen Sie einmal einen Haufen Metallschrott an die Straßenecke. Der ist morgen weg, weil er sich zu Geld machen lässt. Das Gleiche würde passieren, wenn Plastikmüll einen Wert hätte. Dann würden die Menschen freiwillig losziehen und ihn wieder einsammeln.“

21 grad Grafik Plastikfischer

Download Müll im Meer – So lange dauert der Abbau

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Ein Kommentar

Mia

Elektropartikelfilter in Kraftwerken sollten bei der Umweltbilanz auch nicht vergessen werden. Selbst wenn wir all den Plastikmüll aus dem Meer holen, was tun wir dann, um den Plastikmüll nicht wieder über andere Kanäle freizulassen. Es bleibt eigentlich nur termische Verwertung übrig, bis irgendwann einmal jemand die Rückumwandlung in Öl wirtschaftlich macht.

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