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Sieben Wochen Verzicht – wofür eigentlich?

01.03.2017

Aschermittwoch – erster Tag der christlichen Fastenzeit. 21 Grad macht mit und übt sich sechseinhalb Wochen lang im nachhaltigen Verzicht.

Die Diskussion in der Redaktionskonferenz wurde gleich über mehrere Wochen geführt. Befürworter und Gegner lieferten sich hitzige Wortgefechte um die Frage nach einer redaktionseigenen Fastenaktion. Dabei gingen nicht religiöse Fundamentalisten gegen die säkularisierte Welt vor. Vielmehr wurde der Verzicht auf liebgewordene Annehmlichkeiten des Alltags debattiert. Und plötzlich stand sie im Raum – die Frage aller Fragen: „Warum wollt ihr euch das antun?“ Hm, tja, stimmt. Keiner wusste eigentlich so recht, warum wir ausgerechnet zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag den großen Verzicht einläuten „Die biblischen Fastenzeiten gehen ins 1. Jahrtausend vor Christus zurück. Fasten war ursprünglich ein Verzicht auf Lebensmittel, um diese für diese Festwoche anzusammeln“, erklärt uns PD Dr. Thomas Wagner, Alttestamentler an der Uni Wuppertal. Das ist heute nicht mehr unser Problem. Vielmehr kommen wir immer wieder an dem Punkt, an dem wir feststellen, dass es ein zu viel von allem gibt. Nachhaltig ist das nicht. Und so konnten sich schließlich doch die Fastenbefürworter durchsetzen: Einfach mal verzichten, um zu schauen, wie das Leben ohne funktionieren kann. Und vielleicht auch um zu sehen, wie viel nachhaltiger es sich dadurch leben lässt.

Die Fasten-Redaktion stellt sich vor:

Marcus verzichtet auf Fernsehen:

Ich gestehe, die Wahl eines Fastenthemas ist mir sehr schwer gefallen. Eigentlich wollte ich gar nicht mitmachen. Essen macht schließlich Spaß! Und mal ganz ehrlich: Den Berg Sinai habe ich noch nie gesehen, und mit einer 40-tägigen Sintflut rechne ich im Bergischen Land auch nicht. Meine Kolleginnen aus dem Redaktionsteam konnten sich mit meiner Argumentation jedoch nicht so recht anfreunden und wussten neben den üblichen religiösen auch einige weltliche Motive für die Fastenzeit anzuführen. Es fielen Sätze wie, „dem Leben einen neuen Impuls geben“, „zu sich selbst und zur Natur zurückfinden“ und „den Konsum und die Reizüberflutung reduzieren“. Na gut, dachte ich, einen Versuch ist es vielleicht ja mal wert. Es blieb jedoch die Frage, worauf ich von Aschermittwoch bis Ostersamstag verzichten könnte. Ein gemütlicher TV-Abend auf meiner Couch brachte die Lösung. Nach der dritten Folge der Serie „Lucifer“ sah ich ein: Das ist ein Zeichen seines Vaters, ich muss auf Fernsehen verzichten.

Vanessa verzichtet auf ihr Smartphone:

Nachdem wir im Redaktionsmeeting entschieden haben einen Fasten-Selbstversuch zu starten, war ich sehr angetan von der Idee. Als Daniela dann aber zu mir sagte, meine größte Herausforderung sei das Handy-Fasten, geriet ich ins Grübeln. Meine Eltern freuen sich, denn für sie bin ich ein Smartphone-Junkie. Facebook, Instagram, Snapchat und vor allem WhatsApp gehören zu meinem Alltag unbedingt dazu. Info-Beschaffung, sämtlicher Austausch sowie Abstimmungen in Gruppenchats gehören dazu. Meinen persönlichen Kalender habe ich online abgebildet, auch die Bahn-App oder das Navi nutze ich mobil – permanent. Wie also soll ich sechseinhalb Wochen ohne mein geliebtes Smartphone zurechtkommen? Familie und Freunde trauen mir die Challenge nicht zu, ich würde der Abhängigkeit nicht standhalten können. Meine Befürchtung ist: Sie behalten Recht. Panik kommt auf. Doch ich nehme die Herausforderung an und möchte damit nicht nur meinen Mitmenschen sondern auch mir selbst beweisen, dass es auch ohne Smartphone geht!

Daniela verzichtet auf Kaffee und Süßigkeiten:

Fasten – das ist was für Streber und streng religiöse Menschen, oder? Zumindest aber ist es nichts für mich. Warum sollte ich freiwillig auf etwas verzichten? Das war bisher meine Meinung. Doch dann diskutierten wir in der Redaktion über einen Selbstversuch. Ich kam vom Grübeln ins ernsthafte Nachdenken: Was ist wichtig für mich? Was würde mir fehlen? Ganz klar: Für mich ist es Kaffee in all seinen Erscheinungsformen. Warum? Meine Wochentage beginnen um 5.00 Uhr. Ohne einen doppelten Espresso schaffe ich das nicht. Im Büro geht es weiter – meine Kollegen Dominik und Marcus sind hervorragende Baristas! Und zu Hause warten zwei bewegungssüchtige Kinder auf mich. Da brauche ich einen neuen Koffeinschub. Gerne auch einen Schokoriegel – statt Mittagessen. Nun hat mich doch mein eigener Ehrgeiz gepackt: Wie ist ein Leben ohne den Wachmacher in der Tasse? Wie ohne Schokolade? Kann ich sechseinhalb Wochen auf Kaffee UND Süßigkeiten verzichten? Ich bin gespannt – auf den Wettbewerb gegen mich selbst.

Dominik verzichtet auf Fleisch und Fisch:

Steak-, Fleisch- und vor allem Grillfan! Jeder dieser Begriffe beschreibt mich ziemlich gut. Selten vergeht eine Woche, in der nicht irgendein saftiges Stück Fleisch auf meinem geliebten Gasgrill brutzelt. Und auch wenn der Grill mal Ruhepause hat: Ob Wurstbrot, Hähnchenbrust oder Schnitzel – Fleisch ist stets der Hauptakteur in meinem Teller-Ensemble! Klar, ich weiß um die Nachhaltigkeitsbedenken im Zusammenhang mit der Fleischproduktion und versuche, dies zu berücksichtigen, indem ich ressourcenschonend hergestelltes Fleisch kaufe – aber reicht das aus? Und kann ich überhaupt noch auf Fleisch verzichten? Die Fastenzeit möchte ich als Anlass nehmen, um mir genau das zu beweisen und mein Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Fleischkonsum zu stärken. Fast 7 Wochen ohne Fleisch, Fisch und vor allem ohne Know-How in Bezug auf Ersatzprodukte und vegetarische Küche. Meine größte Angst: Verliere ich nach dieser Zeit vielleicht sogar ganz die Lust an Fleisch?

 Corinna ernährt sich vegan:

Ich freue mich immer auf die Fastenzeit. Ein willkommener Moment, um endlich mal einen Gang herunterzuschalten. Wegen mir könnten wir auch – wie früher – dreimal im Jahr fasten. In Zeiten, in denen drei Tassen Kaffee am Tag normal sind und die Zwei-für-einen-Mentalität auch in unseren Supermärkten um sich greift. Zeiten, in denen es unhöflich ist, schon zum ersten Stück Kuchen „nein“ zu sagen, in denen man unter Dauerbeschuss von WhatsApp, Facebook und Twitter steht und kein Konsum eigentlich keine Option ist. In der Fastenzeit ist ein „Nein“ plötzlich wieder eine Option. „Nein danke, ich faste“ ist akzeptiert. Seit Jahren nutze ich diese Gelegenheit, um mich von liebgewonnen und doch schlechten Gewohnheiten zu verabschieden. Und das mache ich auch dieses Jahr: Vegan soll es werden – in der verschärften Variante auch noch ohne Kaffee, ohne Alkohol, ohne Weißmehl und ohne raffinierten Zucker. Wenn das mal nicht die pure Reinigung ist.

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5 Kommentare

Laura Arevalo

Ich finde das eine coole Idee von euch ….Fasten, nicht nur wie im herkömmlichen Sinne (allerdings auf Kaffee zu verzichten wäre ein Albtraum für mich), sondern mal ganz anders wie Verzicht auf TV und Handy. Letzteres versuche ich gerade selbst und es kribbelt schon das eine oder andere Mal in den Fingern. Ich wünsche euch viel Glück und vor allem Durchhaltevermögen;-)

21 grad Redaktion

Hallo Laura,

vielen Dank für Deine Nachricht. Schön , dass Dir unsere Idee gefällt. Auch bei uns machen sich hier und da erste Entzugserscheinungen breit. Durchhaltevermögen können wir also durchaus gebrauchen ;). Spannend, dass Du auch einen Handy-Fastenversuch gestartet hast. Erzähl uns gerne, welche Erfahrungen, Du in der nächsten Zeit noch sammelst. Wir halten Euch natürlich auch auf dem Laufenden.

Liebe Grüße
Das 21 grad Team

Daniela K.

Liebes Redaktionsteam,
euren „Selbstversuch“ finde ich toll! Ich konnte auch schon die Erfahrung machen, dass der bewusste Verzicht auf manche Dinge durchaus sinnvolle Impulse für das eigene Leben geben kann, sei es, dass man sieht, welche Sachen eigentlich mehr belasten als nützen, sei es, dass man hinterher wieder bewusster genießen kann. Oder dass man wirklich den Kopf frei hat, um sich selbst (für religiöse Menschen: und seine Beziehung zu Gott) zu reflektieren.
Ich wünsche euch dabei viel Erfolg!
Kleiner Tipp für diejenigen, denen es schwer fällt, so lange strikt auf Kaffee, Smartphone oder TV zu verzichten: 40 Tage Fastenzeit dauern deshalb 6 1/2 Wochen, weil Sonntage keine Fastentage sind ?
Herzliche Grüße,
Daniela

21 grad Redaktion

Hallo Daniela,

vielen Dank für Deine liebe Nachricht. Wir freuen uns sehr, dass Dir unser Selbstversuch gefällt. Es ist sehr ermutigend zu hören, dass Fasten auch für das Leben nach der Fastenzeit einen positiven Effekt haben kann. Inbesondere für diejenigen unter uns, die noch keine Erfahrung hiermit haben, ist es schön dies von jemandem zu hören, der hier schon Erfahrung gesammelt hat.

Vielen Dank für die zusätzliche Motivation! 😉

Liebe Grüße
Dein 21 grad Team

Katharina

Liebes Team,
es gefällt mir, dass jeder etwas und für sein Leben passend ausgesucht hat. Ich mache sozusagen die schnelle Variante von allem: 1 Woche ohne Fernseher am Abend, 1 Woche vegetarisch, 1 Woche vegan und dazu noch mehrere Wochen zuckerfrei.
Seht es weniger als Verzicht als als eine Bereicherung, die Dinge wieder schätzen zu lernen und sich auf gewisse Art und Weise herunterzufahren.
Viel Spaß und Erfolg!

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