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Ich werbe ausdrücklich für den Sprung in die Selbstständigkeit

 

Seit 1999 leitet Dr. Lothar Vahling, Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf, die angegliederte Akademie. Im Interview verrät er, wann der Meisterbrief Sinn macht, wie er sich finanzieren lässt und wie er SHK-Gesellen fit für die Zukunft macht.

Dr. Lothar Vahling, Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf

Dr. Lothar Vahling, Geschäftsführer der Handwerkskammer Düsseldorf

Herr Fahling, welchen Stellenwert besitzt die Meisterfortbildung heute?

Der Meisterbrief besitzt nach wie vor eine hohe Strahlkraft. Wir verzeichnen seit 15 Jahren unverändert rund 1.000 Absolventen jedes Jahr. Und das trotz immer kleiner werdender Altersgruppen im typischen Meister-Alter zwischen 25 und 29. Und trotz eines fast panikartigen Andrangs in die Gymnasien und Hochschulen. Meisteranwärter entscheiden sich übrigens heute mehrheitlich für einen „großen“ Meisterberuf mit besonderen Zukunftschancen: um in der Elektrotechnik die Wirtschaft zu digitalisieren und die Haushalte smart zu machen, um in der SHK-Technik die Energiewende voranzutreiben. Um als Tischler oder als Maler und Lackierer Gebäude im Wert zu erhalten. Sehr begehrt ist der Meistertitel unverändert auch in der Mobilitätsbranche.

Wie bereiten Sie Jungmeister auf diese großen Aufgaben vor?

Beispielsweise vermitteln wir Elektrotechnikern Profiwissen zu Bussystemen. In den energienahen Berufen sind PhotovoltaikSolarthermie und Erdwärme ebenso wie Brennwerthermen, Pelletheizungen und Mikro-BHKWs Unterrichtsgegenstand.

Das Handwerk gilt vielen noch immer als „Ausbilder der Nation“, warum machen Gesellen heute Ihren Meister?

An der wichtigsten Motivation für den Meisterbrief hat sich nichts geändert: Das Ziel, sein Ding zu machen, selbstständig auf eigene Rechnung, lockt wie eh und je jeden Zweiten unserer Kursteilnehmer. Daneben hat aber der Antrieb deutlich an Bedeutung gewonnen, eine bereits erlangte attraktive Stellung als Fachkraft mittels Qualifikation zum Meister langfristig zu sichern und die Basis für einen späteren Aufstieg in leitende Stellung zu legen. Im Gegensatz zu der heute woanders üblichen Schmalspurausbildung ist die Kombination von unternehmerischer, fachlicher und berufspädagogischer Qualifizierung zum Meister einfach unnachahmlich.

Raten Sie Ihren Absolventen zum Gründen?

Ich werbe ausdrücklich für den Sprung in die Selbstständigkeit. Denn auf Meisterbasis eine eigene Existenz zu gründen, ist eine sehr tragfähige Entscheidung. Sieben von zehn Meisterbetrieben sind auch sieben Jahre nach dem Start erfolgreich am Markt. Und: Derzeit suchen so viele Handwerksunternehmer aus Altersgründen wie noch nie einen Nachfolger oder auch eine Nachfolgerin. Und gerade bei den jungen Frauen im Handwerk sehen wir noch viel Potenzial.

Noch eine Seltenheit…

Frauen sind auf Dienstleistungsberufe fokussiert. Wo weibliche Führungskräfte in großen technischen oder produzierenden Berufen aufzufinden sind, da haben häufig Töchter den elterlichen Betrieb weitergeführt. Wir glauben jedoch, dass sich Mädchen bei gezielter Ansprache und gut platzierten Rollenvorbildern durchaus mit dem Meisterberuf identifizieren können. Handwerk ist Teamarbeit, wir haben kurze Wege in den Betrieben, der Verdienst ist oft besser als mit Bachelor und der Service kann immer noch besser werden. Und was noch wichtiger ist: Technik ist genauso weiblich wie männlich. Wir stellen deshalb unsere Ansprache als Akademie auf die Bedürfnisse von Handwerkerinnen um. Und suchen zurzeit Dutzende Meisterinnen, die als Botschafterinnen für unseren Weg zur Selbstverwirklichung werben.

Ein großes Thema sind für viele Handwerksgesellen die Kosten der Meisterausbildung. Welche Fördermöglichkeiten empfehlen Sie?

Unser Aufwand für die Produktionsanlagen und Arbeitsmittel in der Meisterfortbildung ist hoch, da wir marktgerecht qualifizieren und eine andere Ausstattung vorhalten als nur die Bibliothek fürs BWL-Studium. Gerade deshalb bleibt es ein politisches Ärgernis, dass die Kosten für die Meisterausbildung vom Teilnehmer voll zu tragen sind und die akademische Ausbildung kostenfrei ist. Die Gebühren sind aber in einem leistbaren Bereich, selbst in stark technisierten Meisterschulen. Eine große Erleichterung bietet das Meister-BAföG, das gerade aufgestockt wurde.

Schauen wir uns einmal das SHK-Handwerk an, das sich technologisch besonders schnell weiterentwickelt: Wie machen Sie die angehenden Installateure und Heizungsbauer fit für die Zukunft?

Natürlich ist Gebäudeautomatisation ein wichtiges Thema, wobei Gebäudetechnik als integraler Baustein anzusehen ist. Eine große Rolle spielen auch die energetischen Zusammenhänge aus Energieoptimierung und Gebäudeeigenschaften. Und mehr denn je ist bei unseren heutigen klimatischen Turbulenzen die kontrollierte Wohnungslüftung wichtig.

Noch eine letzte Frage: Der Meisterbrief ist seit 2014 in der EU so viel Wert wie ein Bachelorabschluss. Welche Möglichkeiten eröffnen sich dadurch?

Für Meister begünstigend wirkt sich die Konkurrenz vor allem dort aus, wo früher Diplom-Ingenieure oder -Betriebswirte einem Handwerksmeister vorgezogen wurden. Das wird sich nun ändern. Meister könnten künftig auf dem Arbeitsmarkt sogar im Vorteil sein: Sie haben einen Erfahrungsvorsprung und auch ihr Theoriewissen hält jedem Vergleich zu Akademikern stand.

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Ein Kommentar

Mia

Dass der Meisterbrief seit 2014 in der EU so viel Wert wie ein Bachelorabschluss ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung. Vermutlich ist es aber von Gewerk zu Gewerk unterschiedlich wie dann die Wege weiter gehen. Ein Malermeister wird vermutlich nicht den Master in etwas anderem machen.

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