Klimaschutzprojekt Bilderstöckchen
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Klimaschutz – Klebstoff zwischen Menschen in Köln Bilderstöckchen

 

Der Stadtteil im Kölner Norden ist nicht besonders hip - aber besonders grün: Hier haben Anwohner, Unternehmen und gemeinnützige Vereine ein bundesweit ausgezeichnetes Klimaschutzprojekt gestartet. Wir finden es großartig und würden uns wünschen, wenn es Schule macht! Doch seht selbst!

Bilderstöckchen ist schwer zu beschreiben. Der Stadtteil ist sowohl bürgerlich als auch förderungswürdig – ohne repräsentative Altbauten, ohne hippe Einkaufsmeile, aber mit einem florierenden Gewerbegebiet zwischen Longericher Straße und Robert-Perthel-Straße. Wer es urban und cool mag, wohnt lieber im benachbarten Ehrenfeld oder in der Innenstadt, im Belgischen Viertel. Aber in Bilderstöckchen geht was! Anwohner, Unternehmer und Vertreter aus gemeinnützigen Vereinen haben dort eine Initiative gestartet, die jeden ökologisch und sozial interessierten Menschen vom Hocker reißt: „Gemeinsam fürs Klima in Bilderstöckchen“, Gewinner des „Blauen Kompass 2018. Dieser vom Bundesumweltamt ausgelobte Preis zeichnet Projekte aus, die helfen sollen, die Stadtgesellschaft an die Folgen des Klimawandels anzupassen – also Starkregen, Hochwasser, Überschwemmungen, Stürme, Dürre und Hitzewellen.

Unter 111 Projekten aus ganz Deutschland kamen 15 Initiativen in die engere Wahl um den „Blauen Kompass 2018“. Diese stellten sich im Internet einer Abstimmung um den Publikumspreis, bei dem „Bilderstöckchen“ auf dem 4. Rang landete. Den Hauptpreis der Jury erhielt die Initiative anschließend in der Kategorie „Vereine, Stiftungen und Verbände“ und wurde dafür mit diesem Video zur Unterstützung der Öffentlichkeitsarbeit belohnt.

Die Umweltarbeit hat Menschen unterschiedlichster Milieus vereint

In Köln-Bilderstöcken aber ist nicht nur hervorragende Umweltarbeit geleistet worden. Denn die Projekte haben zu einer Annäherung verschiedener sozialer Gruppen geführt, die das Konfliktpotenzial im „Veedel“ gemindert hat. Die Beteiligten identifizieren sich so stark mit dem Klimaschutz, dass sie ihn fortführen werden – auch nachdem sich die Stadt als einer der Akteure aus der Initiative zurückgezogen hat. Die Anwohner geben sich mit dem Erreichten noch nicht zufrieden und werden in Verbindung bleiben. Zudem macht das Beispiel Schule: Die „Erfolgsgeschichte Bilderstöckchen“ wird aktuell in Porz-Ost im Kölner Süden nachgeahmt. Nur, dass es hier nicht um Ökologie geht, sondern um Nachhaltigkeit im Sinne von guter Nachbarschaft und Sauberkeit in teilweise bildungsfernen Multikulti-Vierteln.

Realisiert wurde, was die Anwohner für erstrebenswert und die Stadt für machbar hält

Ausschlaggebend für den Erfolg waren fünf Kriterien.

Anwohner und Freiwillige der Ford-Werke pflanzten im KlimaPark 46 heimische Streuobstbäume – mit Unterstützung und fachlicher Anleitung durch die Auszubildenden des Kölner Grünflächenamtes.
Bildrechte: Lara Kirch

  1. Allen voran das gemeinsame Zielverständnis „Verbesserung des sozialen und ökologischen Klimas im Veedel“ – ein Herzensthema von Bürgerschaft, Unternehmen und städtisch Mitarbeitenden, die sich von Anfang an leidenschaftlich einbrachten.
  2. Projekte wurden nicht von außen vorgegeben, sondern aus den Wünschen und Anliegen der Menschen im Stadtteil entwickelt. Bewertet wurden sie anhand ihrer Realisierbarkeit mit vorhandenen Ressourcen und Kompetenzen in einem klar abgesteckten Zeitrahmen. Gemeinsame Gelingensfaktoren? Waren somit von Anfang gegeben.
  3. Es wurde „einfach gemacht“: Vorgehensweisen wurden nicht starr festgelegt, sondern an Aufgaben, Hürden und Mittel angepasst. Es musste also intensiv kommuniziert werden, was wiederum das Vertrauen ineinander stärkte: Bürger lernten zum Beispiel bis dato oftmals gescholtene Vertreter der Stadt neu kennen und schätzen – um umgekehrt.
  4. Dadurch, dass Akteure aus Stadtverwaltung, Unternehmen und Bürgerschaft von Anfang an einem Tisch saßen, konnten besser Resultate erzielt werden – zum Beispiel, weil Ideen mit unüberwindbaren rechtlichen Hürden oder unrealistischen Einschätzungen gar nicht erst angepackt wurden. Durch diese synergetische Zusammenarbeit war das Frustrationspotenzial gering und die Projektbeteiligten blieben motiviert bei der Stange.
  5. Last but not least war der Erfolgsfaktor „Backbone Organization“ gegeben: Beteiligte, die das Vorhaben anstoßen und Prozesse am Laufen halten – zum Beispiel durch Organisation regelmäßiger Veranstaltungen und als dauerhafte Ansprechpartner für die Projektgruppen. In Bilderstöckchen waren und sind dies die Initiative „Unternehmen – engagiert in Köln“ und das Koordinationsbüro in der Kölner Freiwilligen Agentur.

Vorbildliche Projekte: vom Klima-Lehrpfad über Fassaden-Begrünung bis zum KlimaPark

Unter dem Motto „Gemeinsam fürs Klima in Bilderstöckchen“ entstanden von Anfang 2016 bis März 2018 acht Einzelprojekte. Dazu gehört zum Beispiel ein Klima-Lehrpfad quer durch das Viertel, auf dem Inhalte zum Klimaschutz, Klimawandel und zu Stadtklimaprojekten vermittelt werden – entwickelt und fortlaufend erweitert von Gymnasiasten des Dreiköniginnengymnasiums. Oder die Begrünung der Fassade des Raphaelshauses, einem Jungendhilfezentrum in der Longericher Straße. Realisiert wurde sie von der dort aktiven Edith-Stein-Gruppe für Jungen und Mädchen, weiteren Kindern und Jugendlichen und Netzwerk e.V. – Soziale Dienste und Ökologische Bildung – auch um weitere Hausbesitzer im Viertel für eine kühlende, staubfilternde und CO2-bindende Fassaden- oder Dachbegründung zu begeistern.

Mit dem KlimaPark wurde auf einem zwei Hektar großen Areal eine neue Grünfläche mit Obst- und Nussbäumen geschaffen. Drei Tage lang buddelten und pflanzten Anwohner sowie Freiwillige der Ford-Werke 46 heimische, zum Teil selten gewordene Streuobstbäume. Mit Rat und Tat unterstützt wurden sie dabei von den Auszubildenden des Grünflächenamtes, das auch die Bäume stiftete. Weiteres Material wurde unter anderem von Ford-Werken finanziert. Der KlimaPark ist nun in der Hand der Bürger, die die jungen Bäume in Zusammenarbeit mit dem Grünflächenamt über den Rekordsommer 2018 gerettet haben. Zwischenzeitlich wurden eine Wildblumenwiese eingesät, Insektenhotels aufgestellt und Bienenstöcke angesiedelt.

In diesem Frühjahr steht der erste Obstbaumbeschnitt an. Die Gruppe rund den Projekt-Capitän Florian Rademaker, einem engagierten Anwohner, ist sehr aktiv. Mittelfristig soll es eine Fuß- und Radwegverbindung durch den www.klimapark-koeln.de geben. Lokale Unternehmen sind von dem Projekt ebenso begeistert wie die Projektbeteiligten und bieten proaktiv finanzielle Unterstützung an. Wir finden das vorbildlich, denn Klimaschutz geht alle an: Daumen hoch! Weitere spannende Projektbeispiele und Informationen findet Ihr in der Projektbroschüre der Initiative „Unternehmen – engagiert in Köln” im Kölner Netzwerk Bürgerengagement.

Dr. Brigitte Jantz

Dr. Brigitte Jantz; Bildrechte: Netzwerk e.V.

„Besonders der KlimaPark hat eine irre Dynamik entwickelt. Die Anwohnerinnen und Anwohner haben schnell gesehen, dass sie etwas bewirken können. Und die Augen leuchteten auch bei der Bezirksvertretung, die die Umsetzung schnell beschlossen hatte. Das war für alle sehr motivierend – und der Gewinn des Blauen Kompasses die Krone!“, berichtet Dr. Brigitte Jantz, Sozialraumkoordinatorin Bilderstöckchen.

Wie geht es weiter? „AG Umwelt und Klima“ gegründet und Ansatz in den Kölner Süden „vererbt“

Natürlich geht es in Bilderstöcken mit dem Klimaschutz weiter: Die beteiligten Anwohner hatten den Wunsch geäußert, regelmäßig projektübergreifend zusammenzukommen. So wurde unter dem Dach des sozialen Netzwerkes „Bilderstöcken Konferenz“ die „AG Umwelt, Natur & Klima“ gegründet, die fleißig neue Ideen ausheckt. Darüber hinaus wird der erfolgreiche Ansatz des Projekts „Gemeinsam fürs Klima in Bilderstöckchen“ gerade im Sozialraum Porz-Ost mit den Stadtteilen Eil, Gremberghoven und Finkenberg aufgegriffen und unter dem Motto „Gute Nachbarschaft“ zum Leben erweckt: Am 20. März 2019 sind Anwohner, Unternehmen und Vertreter der Stadt eingeladen, ihre Ideen, Wünsche und Ziele in einen Topf zu werfen, damit sie anschließend bewertet und realisiert werden können. Wir wünschen viel Erfolg!

Kennt Ihr ähnliche Projekte? Oder habt Ihr Interesse, etwas Ähnliches in Eurer Stadt oder Gemeinde zu starten? Wir stellen gerne den Kontakt zu den Initiatoren des erfolgreichen Kölner Klimaschutzprojektes her, die Euch wertvolle Tipps mit auf den Weg geben können.

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