Fanfarencorps
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Mit Pauken und Trompeten zur Nachtschicht

 

Sie läuten ihre Schicht mit einer Fanfare ein: Zweimal pro Woche geht es für vier Kollegen direkt nach ihrer Marsch- oder Konzertprobe zur Nachtschicht in der Remscheider Elektronikfertigung. Während sie beim Fanfarencorps „Landsknechte Halver“ im Märkischen Kreis eine schöne alte Tradition am Leben erhalten, sorgen sie bei der Vaillant Group für elektronische Steuerungen.

Dirk Erlinghäuser

Dirk Erlinghäuser

Sie arbeiten im Herzen des Unternehmens: In den Hallen 4/2 und 5/2 an Remscheids Berghauser Straße bauen Dirk Erlinghäuser, Martin John, Mira Mindermann und Enza Fidone Elektroniken für die gesamte Vaillant Group. Die elektronische Steuerung eines jeden Heizgeräts der Vaillant Group – in welchem Werk auch immer es montiert wird – kommt garantiert aus Remscheid. „Wir haben im letzten Jahr die Marke von zwei Millionen Stück geknackt“, sagen die vier, nicht ohne Stolz. Bei voller Auslastung arbeiten sie mit ihren rund 180 Kolleginnen und Kollegen im Schichtwechsel im Electronic Center, wie die Elektronikfertigung in Remscheid offiziell bezeichnet wird. Alle vier stets in der Nacht. „Die Nachtschicht ist sehr familienfreundlich“, so Enza Fidone. Sie ist seit 2012 Teamleiterin und kennt ihre Abteilung seit über 20 Jahren. „Ich weiß die Vorteile unserer Arbeitszeit – von 22 bis 6 Uhr – zu schätzen; eine Zeit, in der die Kinder sicher schlafen“, sagt sie augenzwinkernd.

Freundschaft unter Kollegen

Und noch etwas scheint die Nachtschicht zu begünstigen: die Freundschaft unter den Kollegen. Denn Dirk Erlinghäuser, Martin John, Mira Mindermann – und immer mehr auch Enza Fidone – verbringen unter normalen Umständen ohne Corona auch einen Teil ihre Freizeit zusammen. Sie teilen sich neben ihrer Arbeit ein originelles Hobby: die traditionelle Fanfarenmusik. Die Kollegen schwärmen für die Art der Landsknechte aus dem 15. und 16. Jahrhundert – und halten eine schöne alte Tradition am Leben. „Mit Dirk hat alles angefangen“, berichten die anderen drei unisono. „Er hat uns regelrecht angeworben.“ Von den vier Remscheider Mitarbeitern ist Dirk Erlinghäuser das älteste Mitglied des Vereins Fanfarencorps „Landsknechte Halver“. Der Elektromechaniker hat ihn im Jahr 2012 entdeckt. „Ich war total begeistert von dem Naturtonfanfaren-Corps und seinen 24 Trommeln“, erinnert er sich.

Mira Mindermann

Mira Mindermann

Gemeinsam mit seinen Vereins- und Arbeitskollegen marschiert er in traditionellem Gewand mit Trommeln und Fanfaren auf vielen Umzügen in Europa. Feldtrompeten, Heerpauken, Fanfaren, Paradetrommeln – es bieten sich ein toller Anblick und ein beeindruckender Rhythmus, wenn die Gruppe mit ihren Märschen und Aufzügen durch die meist von vielen Zuschauern gesäumten Straßen zieht. Auf die Kollegen in der Nachtschicht hat das jedenfalls sehr ansteckend gewirkt. „Wir marschieren mehrmals im Jahr bei Umzügen unterschiedlichster Art mit und kommen ganz schön rum“, erzählt Dirk Erlinghäuser. Nicht jedes der rund 50 aktiven Mitglieder trägt ein Instrument: Schwenkfahnen, Wurffahnen und Hellebarden gehören ebenfalls dazu. „Ich trage als Marketenderin ein Körbchen“, sagt Mira Mindermann und fügt hinzu: „Ich bin total unmusikalisch!“ Sie ist vor fünf Jahren aus Bad Kreuznach nach Remscheid gekommen, wo sie die Kollegen kennenlernte. „Dirk hat in der Schicht häufig Fotos von den Auftritten gezeigt. Das fand ich so schön“, so die gebürtige Polin. „Dann bin ich einfach mal zu einem Auftritt nach Bremen mitgefahren – und seitdem bin ich dabei.“ Als Marketenderin versorgt sie die „Söldner“ mit Wasser und trägt in ihrem Bastkörbchen für den ein oder anderen seine Wertsachen. Die Männer trommeln und blasen.

Bunte Abwechslung

Während Dirk Erlinghäuser auf die Paradetrommel spezialisiert ist und bei Konzertstücken auch mal zu Becken oder Landsknechtstrommel greift, wechselt Martin John zwischen Paradetrommel und Fanfare. Der Wuppertaler hatte zuvor in einem kleineren Orchester gespielt; Dirk Erlinghäuser zog ihn nach Halver. „Mich haben die Größe des Vereins und die häufigen Auftritte der Landsknechte sofort überzeugt“, sagt Martin John, der inzwischen Jugendwart ist. Die gemeinsamen Reisen – zum Teil über die Grenzen Deutschlands hinaus – sind für die Vereinsmitglieder eine bunte Abwechslung. „Wir haben mehr Anfragen, als wir annehmen können“, berichtet Dirk Erlinghäuser, der als zweiter Vorsitzender des Vereins an der Jahresplanung beteiligt ist. Über bezahlte Auftritte finanziert sich der Verein. „Eine vollständige Tracht kostet zum Beispiel 1.000 Euro, eine einfache Paradetrommel 800 Euro, eine Fanfare rund 500 Euro“, so der begeisterte Trommler.

Martin John

Martin John

Zu Nicht-Corona-Zeiten wird zweimal wöchentlich in einer Schule in Halver geprobt, wo dem Verein ein eigener Raum zur Verfügung steht. Das Jahr ist unter normalen Umständen ausgebucht: Nach einer kurzen Weihnachtspause nimmt der Fanfarencorps im Januar die Proben wieder auf, und dann geht es langsam los. Auf dem Neujahrsempfang findet der erste Auftritt im Jahr statt. „Der eigentliche Auftakt ist aber Karneval, und unsere Hauptsaison geht dann von Mai bis Oktober.“ Die Gruppe kommt jährlich auf rund 30 Auftritte. Und immer wieder dazwischen: Meisterschaften. Die Landsknechte Halver sind Deutscher Meister 2005 und 2012 sowie Landesmeister 2013 – und sie haben sich die letzten drei Male – 2005, 2010 und 2015 – den begehrten Frankenpokal geholt. Einzug in den Petersdom „Und dann waren wir beim Papst“, erzählt Enza Fidone, die in die Vereinstätigkeit der Kollegen „irgendwie hereingerutscht“ ist. Auf diese Reise im Mai 2017 ist der Verein ziemlich stolz und – vor allem –: Sie hat den Vereinsmitgliedern besonders viel Spaß gemacht.

Ein Auftritt der besonderen Art

Der Vatikan hat die Landsknechte Halver nach einem Auftritt beim Münchner Oktoberfest eingeladen, an der „Grande Parata“ im Vatikan zu Ehren der Schutzpatronin Bayerns teilzunehmen und als eine der wenigen auserwählten Gruppen die Feierlichkeiten mitzugestalten. „Das war wirklich etwas Besonderes“, sagt Dirk Erlinghäuser, der mit der Gruppe schon häufig ins Ausland gereist ist, etwa in die Niederlande oder nach Belgien, Spanien und Frankreich. „Gäste des Papstes zu sein und im Petersdom zu spielen, das war in der Tat einmalig“, schwärmen die Kollegen. „Ich bin als Dolmetscherin mitgefahren“, berichtet Enza Fidone, die italienische Wurzeln hat. Auch sie war sehr beeindruckt von dem Spektakel: Drei Tage begleitendes Kulturprogramm mit Pasta und Oper, die musikalische Untermalung der Gottesdienste, der Aufmarsch auf dem Petersplatz, der Einzug in den Petersdom und das krönende Angelusgebet des Papstes vor rund 20.000 Gläubigen auf dem Petersplatz – das alles ließ selbst hartgesottene Landsknechte nicht kalt.

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