Straßenbahn
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Wenn die Straßenbahn die Pakete bringt – der Weg zur nachhaltigen Lieferung Teil 1

 

Online shoppen und Bestellungen bequem nach Hause liefern lassen: Der Versandhandel in Deutschland boomt – und das nicht erst seit der Corona-Pandemie. Die Folge: Der Lieferverkehr nimmt stark zu und belastet die Umwelt. Das erfordert neue, nachhaltige Lieferkonzepte. In unserer zweiteiligen Serie stellen wir euch daher zwei Ideen vor. Die erste: Pakete mithilfe des öffentlichen Nahverkehrs liefern.

Ungefähr 3,7 Milliarden Pakete wurden im Jahr 2019 in Deutschland ausgeliefert. Laut Branchenverband Paket und Expresslogistik e. V (BIEK) soll die Zahl der Paketlieferungen in Deutschland kontinuierlich weiter zunehmen – bis 2023 jährlich um etwa fünf Prozent. Mehr Pakete bedeuten auch mehr Zustellfahrzeuge auf unseren Straßen und damit mehr CO2-Emissionen. Das Pilotprojekt „LogIKTram“ will daher den Güterverkehr in Karlsruhe stärker auf die Schiene verlagern – mithilfe einer „Gütertram“. Diese Gütertram soll sowohl Menschen als auch Pakete transportieren.

Gütertransport per Straßenbahn

PaketbandDas Karlsruher Institut für Technologie (KIT), das an dem im März 2021 gestarteten Vorhaben federführend beteiligt ist, entwickelt das technische Konzept für die Gütertram. Konkret bedeutet das: Das KIT forscht, wie der Innenraum von Fahrzeugen gestaltet werden muss, damit neben Fahrgästen auch Waren Platz finden. Dafür verwendet es ein älteres Fahrzeug als Demonstrationsobjekt. Ein elektrischer Fahrradanhänger könnte beispielsweise als Transportbehälter dienen. An der Endhaltestelle müsste ein Fahrradkurier dann lediglich den Anhänger anhängen und die Waren zustellen. Als Sicherung der Ladung könnten Haken und Riegel in der Bahn genutzt werden. Auch der Einsatz von Elektrotransportern oder selbstfahrenden Shuttles ist denkbar. Eine weitere große Herausforderung liegt darin, Lösungen für die automatisierte Be- und Entladung der Straßenbahnen mit den Paketen zu finden, sodass der normale Fahrbetrieb und die Fahrpläne weiterhin eingehalten werden können. Dafür muss beispielsweise geklärt werden, wie die Bahnen so präzise an den Haltestellen halten können, damit die Transportbehälter schnell und zentimetergenau ein- und ausgeladen werden können.

„Karlsruher Modell“ mit optimalen Testvoraussetzungen

Ziel des Projekts ist es, das bestehende Straßenbahn- und Eisenbahnnetz für den Güterverkehr zu nutzen. Dafür eignet sich Karlsruhe mit dem sogenannten „Karlsruher Modell“ ideal als Testgebiet. Denn dort sind Straßenbahnstrecken in der Innenstadt mit Eisenbahnstrecken im Umland miteinander verknüpft: Der Fahrgast muss also nicht von einer Straßenbahn in die Regionalbahn umsteigen oder umgekehrt, da die Züge beide Streckennetze befahren. Dadurch könnten Pakete zukünftig auch aus Karlsruhe mit Regionalbahnen ins Umland transportiert werden.

Straßenbahn und Lastenfahrrad als Alternative in Frankfurt

StraßenbahnNicht nur in Karlsruhe, auch in Frankfurt wird an der University of Applied Sciences (UAS) an der Paketzustellung per Straßenbahn geforscht. Die Idee: Straßenbahnen bringen Pakete vom Stadtrand in Mikrodepots in der Innenstadt. Von dort aus übernehmen Kuriere per Lastenfahrrad die Zustellung auf der letzten Meile bis zum Kunden. Dafür entwickelten die Forscher einen speziellen Transportbehälter, der in der Tram festgezurrt und anschließend auf das Fahrrad geschnallt werden kann. Eingebaute Rampen in der Tram ermöglichen dabei eine schnelle Be- und Entladung. Getestet wurde das Konzept nach Betriebsschluss der Bahnen, also ohne mitfahrende Personen – das ist rechtlich nämlich noch nicht erlaubt.

Teurer, aber klimafreundlich

Das Ergebnis des Testlaufs in Frankfurt: Technisch funktionierte alles einwandfrei. Allerdings beansprucht die hohe Dauerbelastung die Lastenräder stark. Zudem dauert die Lieferung per Straßenbahn länger als die herkömmliche Zustellung per Lieferfahrzeug und ist zudem teurer. Statt 1,62 Euro pro Paket kostet der Transport mit der Straßenbahn 1,89 Euro pro Paket. Dafür ist die Methode deutlich umweltfreundlicher: 57 Prozent der CO2-Emissionen konnten dadurch täglich eingespart werden. Durch die Einführung einer City-Maut oder der Bepreisung von CO2-Emissionen in Innenstädten könnte das nachhaltige Konzept nach Ansicht der Wissenschaftler durchaus zur rentablen Alternative für Logistikunternehmen werden.

Paketfahrzeug ade, hallo Gütertram?

PaketboteNachhaltigere Formen des Warentransports sind wichtig, um den Straßenverkehr zu entlasten, Umweltbelastungen zu reduzieren und die riesige Menge an Paketen in der Zustellung zu bewältigen. Die Verlagerung von Paketen auf die Schiene ist dennoch nicht das Allheilmittel für klimafreundlichen Warentransport, sondern nur ein Baustein. Die konventionelle Paketzustellung wird dadurch nicht überflüssig. Vielmehr geht es darum, sie zu ergänzen und zu verbessern und eine nachhaltige Kombination aus verschiedenen Elementen zu finden. Damit geht notwendigerweise auch ein Umdenken bei den Konsumenten einher. Wir müssen unsere Erwartungen anpassen: Nicht jedes Paket kann bereits am nächsten Tag vor der Haustür liegen, wenn sich nachhaltigere Lieferprozesse etablieren sollen. Die Zustellung mit der Bahn dauert etwas länger, ist dafür aber deutlich klimaschonender – damit wir auch in Zukunft bequem per Mausklick im Internet einkaufen, unsere Waren direkt nach Hause liefern lassen und dabei auf unsere Umwelt achten können.

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