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Wie die Orkney Inseln zum großen Vorbild der Energiewende wurden

 

Hoch im Nordosten vor der Küste Schottlands liegen die Orkney Inseln. Mit etwa 22.000 Einwohnern nicht gerade eine Metropole und doch ist die Inselgruppe ein großes Vorbild für andere Länder. In den 1980er Jahren als Testregion für den Einsatz von Windkraft ausgewählt, ist die kleine schottische Inselgruppe heute die einzige Region Großbritanniens, die ihren Strommix komplett aus erneuerbaren Energien bezieht. Mit einer Kombination aus Wind und Wellenkraft produziert sie mitunter sogar mehr Strom, als ihre Bewohner verbrauchen können.

Ziemlich weit draußen nordöstlich von Schottland, wo Nordsee auf Atlantik trifft, liegen die Orkney Inseln. Manch einer wird noch nie von ihnen gehört haben, doch die 70 Inseln sind eine Reise wert. Flaches Land aus rotem Sandstein, abfallende Steilklippen, verlassene Strände und fruchtbare Landschaften: Natur pur und ein Traumziel für jeden Naturliebhaber. Und auch für Geschichtsinteressierte lohnt es sich, denn die Orkney Inseln sind bekannt für ihre vielen Ruinen von Lagerplätzen und Siedlungen aus der Zeit der Mittelsteinzeit, aber auch für Tempelanlagen sowie mehrere steinzeitliche Kulturdenkmäler und Steinkreise. Doch auch die jüngere Geschichte der Inselgruppe kann sich sehen lassen: Im Jahr 1980 machte die britische Regierung die Inselgruppe, auf der das ganze Jahr ein konstanter Wind weht, zur Testregion für Windenergie. Ehemals vom schottischen Festland abhängig war dies für die kleine Inselgruppe die große Chance, autark in der Stromproduktion zu werden.

Aus Windkraft Strom im Überfluss

Rund 700 Windräder sind mittlerweile ebenso fester Bestandteil der Landschaft der Inselgruppe wie grüne Hügel, auf denen Schafe und Rinder grasen. Viele Windräder stehen nur einige Meter von den Häusern der Bewohner entfernt. Auf Ablehnung treffen sie vor Ort nicht, da sie in Gemeinschaftsbesitz der Gemeinde sind und etwa 120 Prozent des Strombedarfs der Inselgruppe produzieren – also mehr, als vor Ort verbraucht wird. Der Überschuss wird zu Teilen ins Stromnetz des Festlands eingespeist und entsprechend vergütet. Um den gesamten Überschuss ans Festland weiterzuleiten, fehlt jedoch die Kapazität des Stromnetzes. Ist das Netz überlastet, müssen Windräder abgeschaltet werden, was für die Inselgruppe enorme Umsatzeinbußen bedeutet. Wohin also mit dem ganzen Strom? Eine Lösung: Man verwendet die überschüssige Energie zur Erzeugung von Wasserstoff, der wiederum in Gastanks gespeichert werden kann. Bei der sogenannten Elektrolyse wird durch Einsatz von Strom Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zerlegt. Der gewonnene Wasserstoff wird auf den Orkney Inseln zum Beispiel eingesetzt, um Transportschiffe oder die Fähren zwischen den Inseln und dem schottischen Festland anzutreiben.

Auf dem Weg zur elektrifizierten und intelligent vernetzten Insel

Die Gegebenheiten auf der Inselgruppe ziehen aber auch weitere Forschungsprojekte an, die den Stromüberfluss nutzen wollen. Darunter das Forschungsprojekt Responsive Flexibility, kurz ReFLEX. Das Projekt hat es sich zum Ziel gesetzt, eine intelligente Energieinsel zu schaffen, um fossile Stoffe in allen Lebensbereichen der Inselbewohner zunächst zu reduzieren und letztlich ganz zu ersetzen. Das Projekt unterstützt dafür den Aufbau eines virtuellen Energienetzwerks, das Strombedarf und Angebot koordiniert, um Schwankungen in der Stromversorgung abzufedern und die überschüssige Stromproduktion aus der Windkraft effizienter nutzbar zu machen. Zunächst sollen vor allem Speichermöglichkeiten in den privaten Haushalten und öffentlichen Einrichtungen geschaffen werden. Diese werden dann beispielsweise um Ladestationen für Elektroautos, E-Bikes und -Busse ergänzt. Aber auch für Heizungsanlagen wie Wärmepumpen können die Speicher genutzt werden. Die Investitionen im Bereich der alternativen Energien bedeuten für die Inselbewohner nicht nur fortschrittliche Technologien und neue Arbeitsplätze, sie machen die Energieversorgung der Insel auch noch unabhängiger vom Festland.

Günstig sind die Pläne des Forschungsprojekts nicht – die Kosten belaufen sich auf 28,5 Millionen Pfund, umgerechnet etwas über 31 Millionen Euro. Unterstützung kommt allerdings von der britischen Regierung, denn die Umsetzung ist auch ein Feldversuch. Nach positiven Ergebnissen und einer geglückten Demonstration auf den Orkney Inseln könnte die Inselgruppe sowohl in Großbritannien als auch international als Vorbild dienen, wie intelligent vernetzte Systeme mit erneuerbaren Energien effektiv eingesetzt werden können. Denn auch die britische Regierung plant, bis zum Jahr 2045 gänzlich klimaneutral zu sein. In jedem Fall hat sich die ehemals vom Festland abhängige kleine Inselgruppe bereits von einer Testregion zum Vorreiter in Sachen erneuerbaren Energien entwickelt.

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