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Eine Frau packt aus: Olga Witt

 

Sie lebt ein Leben ohne Müll, ist Bloggerin und Buchautorin und sitzt auch schon mal im Bundesumweltministerium mit am Tisch, um Discountern und Supermärkten Druck in Sachen Verpackungsmüll zu machen. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Liebe Olga, du giltst als die Pionierin der Unverpackt-Bewegung in Deutschland. Wie ist es dazu gekommen?

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Olga Witt ist die Pionierin der Unverpacktbewegung in Deutschland. © Jennifer Kiowski

Olga Witt: „Bis vor sieben Jahren habe ich ganz normal gelebt, wie alle anderen auch. Habe nach dem Einkaufen den Müll runtergebracht, ohne auf die Idee zu kommen, dass es auch anders gehen könnte. Dann aber bin ich in einer Zeitschrift zufällig auf eine amerikanische Familie gestoßen, die nach dem Zero Waste-Konzept lebt, was mich sehr inspirierte. Von da an habe ich mein Leben umgekrempelt und begonnen, das Thema über meinen Blog Zero Waste Lifestyle in Deutschland zu verbreiten.

Nachdem ich dann meinen Mann kennengelernt hatte, haben wir (2016) unseren Onlineshop Zero Waste Laden eröffnet, um den Menschen Produkte zugänglich zu machen, die das Müll vermeiden erleichtern und im normalen Handel nicht verfügbar waren. Unsere Vision war es, alles für das Zero Waste-Leben aus einer Hand anzubieten und nur in gebrauchtem Verpackungsmaterial an den Mann und die Frau zu bringen.“

Wie kam es zur Eröffnung eures ersten „Tante-Olga“-Ladens in Köln-Sülz?

Olga Witt: „Das Ding war, dass wir unsere Lebensmittel bereits in Großgebinden kauften und in einer Einkaufsgemeinschaft mit Nachbarn und Freunden teilten. Zusammen mit dem Onlineshop war es Zuhause nicht mehr sehr wohnlich. Als dann das Ladenlokal hier in der Berrenrather Straße frei wurde, haben wir uns das geschnappt – obwohl erst gar nicht geplant war, einen Unverpackt-Laden zu eröffnen. Aber als er dann da war, wurde er auf Anhieb sehr gut angenommen. Die Leute haben sogar Dankesbriefe geschrieben. Das war so herrlich! Und da die Kundschaft seitdem kontinuierlich gewachsen ist, stehe ich heute nicht mehr alleine im Laden, sondern mit vier, fünf Beschäftigen. Inzwischen betreiben wir noch einen zweiten Laden in Nippes, einem Kölner Multikulti-Viertel. Entsprechend bunt ist dort auch unsere Kundschaft.“

Wie hat sich die Unverpackt-Bewegung bis heute entwickelt? Wo steht sie?

Schraub- und Deckelgläser machen Lebensmittelverpackungen überflüssig. © Jennifer Kiowski

Olga Witt: „Nachdem ich 2017 mein erstes Buch veröffentlicht hatte – ‚Ein Leben ohne Müll‘ –, und 2019 dann ‚Zero Waste Baby‘, wurde die Presse zusehends auf das Thema aufmerksam. Inzwischen bin ich viel unterwegs, halte Vorträge in Büchereien, Bibliotheken, Universitäten, bei Vereinen oder Verbänden. Auch gibt es immer mehr Blogs und Social-Media-Kanäle, die sich mit dem Thema beschäftigen – und immer mehr Unverpackt-Läden. Wir waren mit ‚Tante Olga‘ zwar nicht die ersten, aber auch durch unsere Arbeit hat die Unverpackt-Bewegung deutlich an Fahrt aufgenommen. Mein Mann hat den Unverpackt-Verband mitgegründet und ich den Verein Zero Waste Köln, der das Thema hier in der Stadt verbreitet.“

Was leistet der Berufsverband „unverpackt e.V.“?

Olga Witt: „Wir unterstützen unsere Mitglieder in jeglicher Hinsicht. Wir versorgen Gründer mit Informationen über Bezugsquellen für Waren und Ladenausstattung, beraten sie betriebswirtschaftlich und beackern auch rechtliche Fragen. Überhaupt eine Gemeinschaft zu haben, hilft schon sehr. Wir haben ein Frage-Antwort-Forum und treffen uns mindestens einmal im Jahr zum persönlichen Austausch. Zuletzt haben wir eine ‚Corona-Krisenberatung‘ gestartet, von der ich auch selbst profitiert habe. Außerdem haben die Mitglieder wirtschaftliche Vorteile und die Möglichkeit, sich an unseren Social-Media-Kampagnen zu  beteiligen. Nicht zuletzt besteht ein großer Teil der Arbeit darin, die gesamte Lieferkette nachhaltiger und müllfreier zu machen.“

Was hat es mit Bürgerinitiative „Zero Waste Köln e.V.“ auf sich?

Der Kölner Unverpackt-Laden „Tante Olga“ ist dank seiner Kaffeebar ein beliebter Treffpunkt im Viertel.

Der Kölner Unverpackt-Laden „Tante Olga“ ist dank seiner Kaffeebar ein beliebter Treffpunkt im Viertel. © Jennifer Kiowski

Olga Witt: „Vor zwei, drei Jahren, habe ich einen Aufruf gestartet und gefragt, wer Interesse daran hat, ‚Zero Waste Köln‘ zu gründen. Bei der ersten Versammlung hatte ich dann 40 Leute im Laden. Mir war es wichtig, die Verbreitung des Themas auf noch mehr Schultern zu verteilen. Heute sind wir in Köln auf dem besten Weg, eine Zero-Waste-Stadt zu werden. Wir müssen nur noch die Oberbürgermeisterin Henriette Reker davon überzeugen, den Vertrag des Verbands ‚Zero Waste Cities‘ zu unterschreiben. Dadurch verpflichtet sich Köln schriftlich, das Müllaufkommen in den nächsten Jahren zu reduzieren und die dafür notwendigen Mittel freizusetzen. Wir richten im Verein gerade unsere erste kleine Honorarstelle ein, um mehr bewegen zu können, als das, was unsere regulären Jobs  zulassen. Aber wir haben auch schon Einiges erreich, zum Beispiel mit dem Marktamt Kampagnen auf Kölner Wochenmärkten umgesetzt. Das beweist auch der Umweltschutzpreis der Stadt Köln, den wir in diesem Jahr für unsere Aktionen, Bildungsarbeit und Kampagnen gewonnen haben – überreicht von Frau Reker. Wir stehen also in direktem Kontakt!“

Stimmt das, das die Eröffnung von „Tante Olga“ nur durch Zero Waste möglich war?

Ein Blick auf das unverpackte Warenangebot von „Tante Olga“.

Ein Blick auf das unverpackte Warenangebot von „Tante Olga“. © Jennifer Kiowski

Olga Witt: „Ich habe es durch Zero Waste geschafft, aus dem Hamsterrad auszusteigen. Denn Zero Waste bedeutet auch Konsumverzicht. Früher dachte ich, dass ich einen 40-Stunden-Job machen muss, obwohl ich ihn gar nicht mag. Aber in Wirklichkeit brauchen wir weniger zum Leben, als wir gemeinhin glauben. Ich bin dann erstmal ins Ausland gegangen, um zu überlegen, was ich im Leben will. Das für die Eröffnung des Ladens erforderliche Kapital haben wir mittels Crowdfunding gesammelt.“

Wie hat sich euer Sortiment seit der Eröffnung entwickelt?

Olga Witt: „Das hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Zum einen, weil wir immer wieder neue Produkte reingenommen und ausprobiert haben. Und zum anderen, weil im Laufe der Zeit gerade im Non-Food-Bereich Start-ups entstanden oder etablierte Marken auf den Zug aufgesprungen sind. Heute lassen wir auch selbst Zero Waste-Produkte herstellen, die wir über Groß- und Einzelhandel verkaufen: zum Beispiel Bambuszahnbürsten, Seifen, Edelstahldosen, Flaschen, Stofftaschentücher, Stoffservietten oder Nussmilchbeutel zur Herstellung von Pflanzenmilch und vieles mehr.“

Hand aufs Herz: Wie viel teurer ist das Einkaufen im Unverpackt-Laden?

Auch Gewürze kannst du bei Tante Olga unverpackt erwerben und im eigenen Gefäß nach Hause transportieren.

Auch Gewürze kannst du bei Tante Olga unverpackt erwerben und im eigenen Gefäß nach Hause transportieren. © Jennifer Kiowski

Olga Witt: „Das kann man pauschal nicht sagen. ‚Tante Olga‘ zum Beispiel verkauft Bio-Lebensmittel in der bestmöglichen Qualität, die möglichst aus regionaler oder zumindest europäischer Produktion stammen. Bio-Mandeln zum Beispiel kommen meistens aus Kalifornien, unsere aber aus Europa. Die sind zwar etwas teurer, haben aber auch einen kleineren ökologischen Fußabdruck. Man muss halt genau gucken, was man vergleicht. Viele Bio-Produkte aus dem Supermarkt werden auf dem Weltmarkt eingekauft, wo sie am günstigsten sind. Das ist oft mit langen Transportwegen verbunden. Wenn du aber gleichwertige Produkte vergleichst, dann sind unverpackte Produkte nicht unbedingt teurer als verpackte. Und die meisten Menschen können sie sich auch leisten. Sie müssen nur ihre Prioritäten überdenken, also weniger Geld für Konsumgüter ausgeben und mehr für Lebensmittel. Wer Zero Waste lebt, macht das automatisch.“

Du sagst, viele schrecke das Label „Bio“ sogar ab. Woher kommt das?

Olga Witt: „Ich glaube, weil Bio grundsätzlich teurer ist. Wir sind drauf getrimmt, immer das günstigere Produkt zu kaufen. Und wenn uns niemand erklärt, warum etwas teurer ist, dann verweigern wir uns dem. Kommt es dann noch zu einem Bio-Skandal, verankert sich die Auffassung. Dabei decken die engmaschigen Bio-Kontrollen Mängel überhaupt erst auf! Im konventionellen Bereich passieren tagtäglich Skandale, aber sie werden nicht thematisiert, weil vieles sogar legal ist. Dass Bio-Lebensmittel teurer sind, ist auch politisch gewollt. Denn würde man die externalisierten Kosten der konventionellen Landwirtschaft einkalkulieren, also beispielsweise die Folgekosten für die Beseitigung der Umweltschäden, wäre dem ja gar nicht so.“

Wenn du drei Wünsche frei hättest, welche wären das?

Olga Witt: „Ich würde mir den Weltfrieden wünschen! Außerdem die Einführung des Bruttosozialglücks als Alternative zu den Zielen der Wachstumsgesellschaft. Und die Abschaffung des Autoverkehrs.“

Und was wünscht du dir für dich?

Olga Witt: „Ein bisschen mehr Zeit für mich.“

Zero Waste – Was bedeutet das?

Das Erhalten aller Ressourcen durch eine verantwortungsvolle Produktion, einen ebensolchen Konsum, durch Wiederverwertung und Rückgewinnung von den Produkten, den Verpackungen und den Materialien, ohne diese zu verbrennen oder auf eine andere Art Schadstoffe freizusetzen, die die Umwelt (Land, Wasser, Luft) oder die menschliche Gesundheit gefährden.

Definition der Zero Waste International Alliance

Ihr habt keinen Unverpackt-Laden in der Nähe? Hier ein paar Tipps!

  • Kauft auf dem Wochenmarkt ein
  • Verpackt loses Obst und Gemüse im Supermarkt in eigenen Beuteln
  • Nehmt Brote und Brötchen im eigenen Beutel mit
  • Kauft mit eigenen Behältern an der Frischetheke ein
  • Besucht Hofläden
  • Beteiligt Euch an solidarischer Landwirtschaft
  • Abonniert regionale Bio-Kisten
  • Macht Lebensmittel selber – zum Beispiel Nudeln, Brotaufstriche
  • Achtet auf Mehrweg-Verpackungen
  • Besucht Zero-Waste-Onlineshops

Was glaubst ihr, wie viel Plastikabfall je Einwohner jährlich bei uns in Deutschland anfällt?

Die richtige Lösung gibt es hier.

Bei welchem Lebensmittel können wir mühelos zu 100 % auf Verpackung und Transport verzichten?

Wann gehst du in einem Unverpackt-Laden einkaufen?

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