Nicht-elektrisierte Massen
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Nicht-elektrisierte Massen

 

1 Million Elektroautos auf Deutschlands Straßen bis 2020: So lautete das Ziel der Bundesregierung. Diese Marke wird weit verfehlt, denn bis heute besitzen nur etwa 35.000 Deutsche ein Elektroauto. Warum die Autofahrer hierzulande skeptisch sind und wer in Europa Vorreiter in puncto Elektromobilität ist, lest ihr hier.

98,7 Prozent aller Neuwagen, die im ersten Halbjahr 2017 zugelassen wurden, haben noch immer einen Verbrennungsmotor. Dabei gibt es inzwischen mehr als 100 verschiedene E-Auto-Modelle auf dem Markt – vom Kombi für Familien bis zum Sportwagen. Umfragen zeigen: Gegen den Kauf eines Elektroautos spricht vor allem die Sorge, dass die Batterieleistung zu gering ist. „Reichweitenangst“, wie es Verkehrspsychologen nennen, plagt mehr als jeden dritten Deutschen. Und: Viele Autofahrer halten Elektroautos für zu teuer.

Dabei überzeugen die mit einer Reihe von Vorteilen: keine stinkenden Abgase, leises Fahrgeräusch, geringer Wartungsaufwand und günstig im Unterhalt. Die Unternehmensberatung McKinsey hat herausgefunden, dass fast jeder zweite Autokäufer durchaus beabsichtigt, ein Elektroauto zu kaufen – aber es am Ende dann doch nicht tut. Wir versuchen, anhand von drei zentralen Fragen herauszufinden, warum deutsche Autofahrer das Thema links liegen lassen.

1. Fehlen die richtigen Anreize?

Die deutschen Autobauer haben sich hohe Absatzziele gesteckt: Volkswagen strebt bis 2025 mit der Kernmarke VW die Weltmarktführerschaft im Segment der E-Autos an. Mehr als 80 neue Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb sollen die Ingenieure bis dahin entwickeln. Auch bei BMW ist Elektromobilität nach eigener Aussage eine „Top-Priorität“. Rund 100 000 E-Modelle wollen die Münchner in diesem Jahr verkaufen.

Doch die Nachfrage bleibt gering, elektrisch betriebene Fahrzeuge sind in Deutschland nicht wettbewerbsfähig. Ganz anders in Norwegen, das Land ist in puncto Elektromobilität Weltrekordhalter: Jeder dritte Neuwagen fährt hier sauber und lautlos mit Strom, in der Hauptstadt Oslo sogar jeder zweite. Wer in Norwegen ein Elektroauto besitzt, profitiert von vielen Vorteilen: Halter von E-Fahrzeugen können kostenlos parken und Strom tanken, sie zahlen keine Steuern, können Mautstrecken kostenlos nutzen und sogar auf die Busspur ausweichen. Entscheidend aber ist, dass Elektroautos dort günstiger sind als das Pendant mit Verbrennungsmotor. Norwegen macht es vor: Wenn die Politik die richtigen Anreize schafft, werfen Verbraucher ihre Vorbehalte gegenüber neuen Technologien über Bord.

2. Ist der Preis wirklich entscheidend?

In Deutschland können sich Käufer von Elektrofahrzeugen eine Prämie von bis zu 4.000 Euro pro Wagen sichern. Das entlastet zwar die Verbraucher, wirkt sich aber nur schwach auf die Absatzzahlen aus. Der vergleichsweise hohe Anschaffungspreis von E-Autos hemmt die Autofahrer, ja. Aber darüber hinaus ist vor allem die lückenhafte Infrastruktur der Ladestationen ein Problem. Mit leerem Akku fernab jeder Ladesäule möchte niemand liegen bleiben. Die Bundesregierung wird 300 Millionen Euro für den weiteren Ausbau der Infrastruktur investieren und 15.000 öffentlich zugängliche Stationen bis 2020 errichten. Aktuell gibt es in Deutschland rund 7.700 Säulen – viel zu wenig, wenn man bedenkt, dass wir über eines der dichtesten Autobahnnetze der Welt verfügen. 70.000 Ladesäulen hat die Nationale Plattform Elektromobilität, ein Beratungsgremium der Bundesregierung, als Zielwert ausgerufen. Dazu sind weitere Investitionen dringend nötig.

3. Ist die Technologie ausgereift, um am Markt zu bestehen?

Die Batterie ist das Herzstück eines jeden Elektroautos. Eine Ladung reicht heute durchschnittlich 150 bis 250 Kilometer, die neue Generation verspricht reale Reichweiten von 300 Kilometern und mehr. Dabei fahren wir durchschnittlich nur rund 40 Kilometer pro Tag, und das schafft heutzutage jedes E-Auto spielerisch. Für Berufspendler, deren Arbeitsplatz 30, 40 oder 50 Kilometer entfernt liegt, ist der Kauf eines Elektroautos eine echte Option. Mehrere Millionen Menschen in Deutschland könnten heute einfach umsteigen und damit die Luftqualität in deutschen Städten erheblich verbessern. Die Technologie jedenfalls ist schon heute massentauglich. Was fehlt, sind politische Anreize und ein neuer Blick auf unseren fahrbaren Untersatz: weniger Statussymbol, mehr nachhaltige Mobilität und Umweltbewusstsein.

E-Trends in Tweets

Das Thema Elektromobilität hat riesiges Potenzial, wie diese fünf Ideen zeigen. Wir stellen sie kurz und knapp vor:

#Sion: Wagen mit 330 Solarzellen auf der Haut. Sonne bereichert die Batterie um 30 Extrakilometer – und Sion um eine mobile Stromquelle.

#Share&Charge: Private Nutzer eines E-Autos stellen Gleichgesinnten über das Netz ihre Ladestation zur Verfügung.

#BlueInductive: E-Autos tanken Strom eigenständig, kabellos (per Induktion) – und speisen überschüssige Energie zurück ins Stromnetz.

#Olli: Elektrobus für zwölf Personen, der per Handy bestellt wird – er kommt dann autonom angefahren.

#2nd-use-Batteriespeicher: Gealterte Auto-Akkus speichern gemeinsam 13 Megawattstunden überschüssiger Energie als Backup für schlechte Zeiten.

Alle Trends stammen aus der Broschüre „Reset Special – E-Mobilität“. Wer mehr erfahren möchte, klickt hier.

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