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Treffen sich ein Rabbi, ein Pfarrer und ein Imam

 

In Berlin-Mitte wird eine Utopie Wirklichkeit: Dort soll auf dem Gelände der alten Petrikirche das House of One entstehen, das weltweit erste gemeinsame Bet- und Lehrhaus für Juden, Christen und Muslime. 21 grad hat die Initiatoren des Projekts besucht und mit ihnen über gesellschaftliche Entwicklungen, Toleranz und die heutige Rolle von Religion gesprochen.

Pfarrer Gregor Hohberg, Rabbiner Prof. Dr. Andreas Nachama und Imam Kadir Sanci setzen sich für ein Miteinander der Religionen ein.

Sie alle sind in Deutschland aufgewachsen. Wie haben Sie die Religion des anderen zum ersten Mal bewusst wahrgenommen?

Kadir Sanci: Als ich klein war, gab es ein Gerücht: Gleich neben meiner Grundschule stand eine Kirche und wer unter dem Kirchturm entlangging, sollte angeblich Christ werden. Wir sind dann immer einen Umweg gegangen. Irgendwann habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin dort langgelaufen – und ein Muslim geblieben. (lacht)

Gregor Hohberg: Ich bin in einem kleinen Dorf in der Uckermark aufgewachsen. Da gab es weder Juden noch Muslime. In der Zeit meines Studiums habe ich dann erstmals Synagogen und Moscheen besucht.

Andreas Nachama: Ich bin in Westberlin aufgewachsen und kann mich gut daran erinnern, wie ich mit meinen Eltern häufig im türkischen Imbiss essen war. Das war nichts Besonderes. Die Frage stellte sich also nie, weil die Nähe zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen für mich normal war.

Was ist mit denjenigen, die nicht multikulti aufwachsen? Kann man diese Toleranz lernen?

DiskussionAndreas Nachama: Ja, indem wir dem anderen begegnen. Denn wer nicht miteinander spricht, der kann den anderen nicht verstehen. Das gilt auch für Religionen. Wir waren hier schon einmal weiter: Als ich Anfang der 1970er-Jahre anfing zu studieren, hatten die religionswissenschaftlichen Fächer ein gemeinsames Grundstudium. Das hat man dann törichterweise abgeschafft.


Sehen Sie mehr Chancen oder Risiken durch die Zuwanderung?

Kadir Sanci: Mit Blick auf die Zuwanderung von Flüchtlingen ist jetzt in erster Linie wichtig, dass wir helfen, und das ohne Wenn und Aber. Perspektivisch werden wir mehr Muslime in Deutschland haben und das wird Einfluss auf die gesellschaftlichen Strukturen haben. Es liegt an uns, dass wir das zu einer Chance machen.

Gregor Hohberg: Die Flüchtlinge gehören unterschiedlichen Konfessionen an. Und es wird für diese Menschen wichtig sein zu sehen, dass auch Menschen unterschiedlichen Glaubens in Frieden zusammen leben können – wie in unserem „House of One“.

Die Menschen fliehen derzeit vor radikalen religiösen Bewegungen. Wie entstehen diese?

Kadir Sanci: Für mich sind nicht Religionen die Ursache. Menschen, die sich für gläubig erklären, lösen Gewalt aus. Von daher ist es gerade für uns als Religiöse überaus wichtig, diesen Leuten keine Auslegungshoheit zu geben.

Unser Miteinander ist ein starkes Symbol für das, was jetzt in der Gesellschaft gebraucht wird.

Radikale Strömungen und eine wachsende Säkularisierung scheinen sich gegenüberzustehen. Wie kommt es, dass Sie gerade jetzt und im zunehmend nicht religiösen Berlin so ein Projekt initiiert haben?

GesprächGregor Hohberg: Wir richten uns an religiöse und nicht religiöse Menschen. Dass Berlin besonders säkular geprägt ist, fördert unser Projekt sogar. Denn dadurch sind die Emotionen etwas gemäßigter. Gläubige Menschen haben erst einmal zu Recht Fragen: Was passiert da eigentlich? Wird da meine Religion verändert? Das können wir im Gespräch klären. Umgekehrt können wir, dadurch dass wir zu dritt auftreten, auch das Interesse der säkularen Gesellschaft wecken und ihr zeigen, dass wir etwas zu sagen haben.

Und was ist das?

Gregor Hohberg: In erster Linie tragen wir zum Frieden bei und fordern zur Menschlichkeit auf.

Sehen Ihre Gemeinden ebenso das Gemeinsame?

Andreas Nachama: Ja, meine Gemeinde ist sehr offen. Die Mitglieder sehen das „House of One“ als eine große Chance an.

Gregor Hohberg: Meine evangelische Gemeinde gab den Anstoß für das Projekt und 90 Prozent der Mitglieder gaben hierfür ihre Stimme. Überrascht hat mich auch, dass unsere Veranstaltungen so viel Zulauf haben, in denen wir über theologische Knackpunkte wie die Scharia debattieren.

Kadir Sanci: In der muslimischen Community sind mir nur eine Handvoll kritischer Stimmen begegnet. Sie hatten Angst, dass wir eine neue Religion kreieren wollen.

Was können Sie mit Ihrem Projekt gesellschaftlich bewegen?

Gregor Hohberg: Wir repräsentieren jeweils nur einen kleinen Teil des Judentums, des Christentums und des Islams. Trotzdem können alle bei uns mitmachen. Wenn das Haus steht, kann jeder hier den Gottesdienst feiern, der unsere Hausordnung unterschreibt. Das heißt, er muss demokratisch, fair und respektvoll mit den anderen umgehen. Dann kann das ein Baptist oder Katholik oder Orthodoxer sein. Unser Miteinander ist ein starkes Symbol für das, was jetzt in der Gesellschaft gebraucht wird.

 


www.houseofone.de

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