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„Obst und Gemüse kaufe ich gar nicht mehr ein“

 

Jahr für Jahr landen in Deutschland rund 12 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Vaillant Mitarbeiterin Nele Brocksieper ist Foodsaverin. Sie stellt sich dieser Verschwendung entgegen, rettet und verteilt weggeworfene Lebensmittel an Freunde und Bekannte. Mit uns teilt sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Und die machen Lust, sich ihr anzuschließen.

Nele, wie bist Du zum Foodsharing gekommen?

Zum einen durch die Medien und zum anderen durch eine Freundin, der ich in Remscheid – übrigens der ersten Foodsharing-Stadt Deutschlands – Anfang 2020 erstmals gerettete Lebensmittel abgenommen hatte. Als ich dann nach Wuppertal gezogen war, wollte ich selbst aktiv werden und bin Foodsaverin geworden.

foodsharing.de: „Teile Lebensmittel, anstatt sie wegzuwerfen!“

Seit 2012 rettet die Foodsharing-Bewegung täglich tonnenweise genießbare Lebensmittel vor der Entsorgung und verteilt sie ehrenamtlich und kostenfrei im Bekanntenkreis, in Obdachlosenheimen, Kindergärten und über die Plattform https://foodsharing.de, die knapp 300.000 Menschen im deutschsprachigen Raum regelmäßig nutzen. Außerdem engagieren sich rund 66.000 Menschen ehrenamtlich als Foodsaver, indem sie überproduzierte Lebensmittel ca. 2.500-mal am Tag bei über 6.000 Kooperartionspartnern abholen und verteilen – darunter Supermärkte, Bäckereien, Großhändler und Großküchen. Foodsharing kooperiert mit anderen Initiativen wie den Tafeln, die sich ebenfalls gegen Essensverschwendung einsetzen.

Was genau tust Du als Foodsaverin?

Nele Brocksieper, 23 Jahre, ist Manager VEP Marketing & Operations bei Vaillant in Remscheid.

Ich bin hier in meiner Stadt verschiedenen Betrieben zugeordnet, bei denen ich ein-, zweimal die Woche Lebensmittel zu vereinbarten Terminen abholen kann. Gemeinsam mit anderen Foodsavern schaue ich dann, welche Lebensmittel weggeworfen werden müssen, und welche wir weiterverteilen können. Entweder an die Freunde und Bekannten in meiner Broadcast-Liste oder über Fairteiler. Das sind Kühlschränke und Regale im öffentlichen Raum, an denen sich jedermann bedienen und auch übrigens selbst übriggebliebene Lebensmittel hinbringen kann, zum Beispiel nach einer Party oder einem Familienfest. Hier auf der Karte siehst du, wo es schon überall Fairteiler gibt und wo Foodsaver Essenskörbe zur Abholung bereitstellen.

Du machst das jetzt ungefähr ein halbes Jahr. Welche Erfahrungen hast Du dabei gesammelt?

Das ist Neles Ausbeute von nur einer Rettungsaktion bei einem Supermarkt.

Es erschreckt mich zu sehen, was normalerweise alles in der Tonne landen würde. Wenn eine Paprika eine faule Stelle hat, wird gleich die ganze 3er-Packung weggeschmissen. Oder was an Milchprodukten oder im Sommer an Grillfleisch übrigbleibt – unglaubliche Mengen. Eigentlich möchte ich auf Fleisch ganz verzichten – gerade, wenn es aus Großbetrieben stammt. Aber wenn das Tier schon so leiden mussten, dann sollte es am Ende wenigstens gegessen werden. Bedenklich finde ich auch, dass ein Apfel mit Delle häufig nicht gekauft wird. Alles in allem führt das dazu, dass in Deutschland jährlich 150 kg Lebensmittel pro Kopf in den Container wandern – obwohl Menschen in anderen Ländern verhungern.

Was hast Du durch Foodsharing über die Gesellschaft erfahren?

Wenn wir Verbraucher zu viel Auswahl haben, werden wir wählerisch. Die Supermärkte aber wollen die größtmögliche Auswahl bieten. Von allem muss immer viel vorhanden sein, wodurch auch der unschönere Apfel liegen bleiben kann. Also muss überproduziert werden. Wenn die Regale kleiner wären, wäre auch das Problem der Verschwendung kleiner.

Was möchte Foodsharing letztendlich erreichen?

Wir möchten die Betriebe dafür sensibilisieren, ihren Einkauf besser zu planen. Denn das Beste wäre natürlich, wenn das Ehrenamt Foodsaver aufgegeben werden könnte. Deshalb würde ich mir wünschen, dass bei den Betrieben und Verbrauchern Alarmglocken klingeln, dass bewusster konsumiert wird und die Ressourcen so gut verteilt werden, dass es keine Lebensmittel mehr zu retten gibt.

Kriegst Du immer alles verteilt, was Du rettest?

Obst und GemüseNicht immer alles, aber oft. Bedingt durch Corona hatten die Fairteiler geschlossen und Kühlware konnte nur begrenzt eingelagert werden. Außerdem könnte mein Verteilerkreis größer sein. Gerade Brot kriege ich nicht immer in Gänze unter. Dann gebe ich es als Pferdefutter weiter.

Was kaufst Du selbst noch an Lebensmitteln ein?

Obst, Gemüse und Backwaren kaufe ich so gut wie gar nicht mehr ein. In meinem Einkaufswagen landen vor allem Lebensmittel, die lange haltbar sind. Zum Beispiel Haferflocken, Reis, Mehl oder Konserven.

Wie viel Zeit investierst Du pro Woche in Foodsharing?

Eine Rettung bedarf mit Anfahrt ca. eineinhalb Stunden. Hinzu kommt noch die Zeit, in der die Leute das Essen bei mir abholen kommen. Ich denke, ich komme auf drei bis sechs Stunden. Manchmal ist es auch weniger, wenn ich nur ein- statt zweimal zu Betrieben gehe.

Was haben die kooperierenden Betriebe eigentlich davon?

Die Betriebe sind froh darüber, dass die Lebensmittel abgeholt werden und sie sie weder sortieren noch wegschmeißen müssen. Das spart Entsorgungs- und Personalkosten.

Effekte der Lebensmittelverwendung

  • Um die Lebensmittel zu transportieren, die wir in Deutschland jährlich in den Müll werfen, sind 480.000 Sattelschlepper erforderlich. Hintereinander gereiht, stünden diese von Lissabon bis nach St. Petersburg.
  • Allein wir Privatpersonen entsorgen Essen im Wert von ca. 20 Milliarden Euro pro Jahr.
  • Unser Verhalten wirkt sich nicht nur negativ auf die Umwelt und die Ressourcen aus, sondern vor allem auch auf die Versorgung der Menschen in ärmeren Ländern.

Möchtest auch Du unter die Foodsaver gehen oder gerettete Lebensmittel verbrauchen? Dann melde dich jetzt an auf https://foodsharing.de . Kommentiere auch gerne, was Du vielleicht schon unternimmst, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden!

 

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