Detail-Ökologische-Mustersiedlung Michael-Nagy LHM

© Michael Nagy, Landeshauptstadt München

10 Lesern gefällt das

Astreines Baumaterial: Holz, der natürliche CO2-Killer

 

Bauen ist sehr energieaufwendig und der Klimawandel lässt die Temperaturen weltweit steigen. Um ihn zu bremsen, brauchen wir Baumaterialien, die nicht zur Erderwärmung beitragen. Holz ist ein solches Baumaterial. Es ist sogar das umweltfreundlichste der Welt.

Energiewende, Elektromobilität, energieeffiziente Gebäude, Ausbau des ÖPNV – die Bundesregierung setzt viele Hebel in Bewegung, um das Klima zu schützen. Reichlich ungenutztes Potenzial sehen Forscher im Wohnungsbau. Als Expertin für Ressourcenschonendes Bauen setzt sich Frau Prof. Dr. Annette Hafner von der Ruhruniversität Bochum dafür ein, mehr Holz zu verbauen. Denn der verstärkte Einsatz von Holz und Holzwerkstoffen kann dazu beitragen, die Treibhausemissionen im Bausektor langfristig zu senken: Die Produktion von Zement, Beton oder Ziegelstein ist deutlich energieintensiver als die von Holz. Zudem ist Holz der einzige Baustoff, der der Atmosphäre Kohlendioxid entzieht.

Zement – verantwortlich für 8 % der CO2-Emissionen weltweit

Zement lässt bei seiner Herstellung mehr Kohlendioxid in die Luft als der weltweite Flugverkehr. Aktuell werden jährlich ca. 4,65 Milliarden Tonnen davon produziert. Und die Nachfrage wächst, denn Zement verbindet Sand, Kies und Wasser zu Beton.

Wer Holz verbaut, verbaut Kohlenstoff als Bestandteil von CO2

Zum Wachsen benötigt ein Baum Wasser – und CO2 (Kohlendioxid), das er der Atmosphäre entnimmt und biochemisch wandelt. Den dabei freigesetzten Sauerstoff (O2) schenkt uns der Baum zum Atmen, den Kohlenstoff (C) lagert er ein. Wer mit Holz baut oder dämmt, verbaut den Kohlenstoff für Jahrzehnte – und verhindert so die Bildung von klimaschädlichem CO2. Und das in hohem Maße, denn Holz besteht zu ca. 50 % aus Kohlenstoff.

Holz ist „grün“: von der ersten zarten Nadel bis zum recycelten Baustoff

  • Wälder als Rohstoffquelle sind schon an sich nachhaltig.
  • Fast alle Wälder in Europa werden nachhaltig bewirtschaftet: Es wächst mehr Holz nach als geerntet wird. So wachsen die Waldflächen in Europa jährlich um rund 5.000 km2.
  • Baustoffe und Produkte aus Holz sind klimafreundlich, weil Bäume der Luft CO2 entziehen, den Kohlenstoff speichern und den Sauerstoff an die Luft abgeben (s. o.).
  • Am Ende ihrer Lebensdauer können die Baustoffe und Produkte recycelt oder verbrannt werden. Bei der Verbrennung verbindet sich der gespeicherte Kohlenstoff mit Sauerstoff und wird als CO2 an die Atmosphäre zurückgegeben – in der Menge, die der Baum während seines Wachstums gespeichert hatte. Deshalb ist Holz klimaneutral.

Bauen mit Holz spart Tonnen von CO2

Borkenkäfer und Klimawandel setzen den deutschen Nadelwäldern zu – das Holz könnte daher sinnvoll für den Bau genutzt werden, die Flächen könnten später mit Mischwald aufgeforstet werden. © Roberto Schirdewahn

Holz ist einer der ältesten Baustoffe der Menschheit und erlebt seit einigen Jahren eine beachtliche Renaissance. Dennoch werden aktuell nur knapp 19 % der Wohngebäude überwiegend aus Holz errichtet. Dabei könnte die Klimabilanz des Bausektors bei einem höheren Anteil deutlich besser ausfallen. Würden 55 % der Einfamilienhäuser und 15 % aller Mehrfamilienhäuser zwischen 2016 und 2030 aus Holz gebaut werden, ließen sich 23,9 Mio. Tonnen Kohlendioxid sparen. Das rechneten Frau Prof. Dr. Hafner mit ihrem Team vom Lehrstuhl für Ressourceneffizientes Bauen in einer 2017 veröffentlichten Studie vor. Zum Vergleich: 1 Tonne CO2 entspricht 5.000 Flugkilometern pro Person oder der Menge an Erdgas, die ein deutscher Haushalt im Durchschnitt an 130 Tagen verbraucht.

Genehmigte Wohnungsneubauten mit überwiegend verwendetem Baustoff Holz (2019)

Anteil Holzbauten im Wohnbereich 2019

Quelle: Lagebericht 2020 Holzbau Deutschland – Bund deutscher Zimmermeister

Behagliche Holzfaserdämmung

Der größte Feind von Holz ist Nässe. Besonders Dach und Fassade sind der Witterung ausgesetzt. Hier schützt eine wind- und regendichte Konstruktion von Holzfaserdämmstoffen das Dach und eine Hinterlüftung die mit Holzfasern gedämmte Fassade. Warum Holzfaserdämmung? Weil sie für sehr angenehmes, behagliches Raumklima sorgt. Denn Wohnbehaglichkeit ist das Ergebnis von Raumtemperatur, Raumoberflächentemperatur, Luftbewegung und Luftfeuchte. Und Holzfaserdämmung beeinflusst all diese Faktoren positiv: Die Heizwärme durchdringt die Wände, wird von der Holzfaser zwischengespeichert und wieder in den Raum abgegeben, so dass dieser bei reduzierter Heizleistung langsamer auskühlt. Und das spart nicht nur Heizkosten! Denn am wohlsten fühlen wir uns, wenn die Differenz zwischen Wand- und Lufttemperatur maximal 3° C beträgt.

Dachbewohner können aufatmen: weniger Lärm, weniger Hitze

Der Baustoff Holz überzeugt auch ökonomisch, da er in Modulbauweise schneller zu verarbeiten ist als Beton oder Ziegel. © Jens Schumann

Holzfaserdämmung schützt sehr gut vor Schall und Hitze, die vor allem die Bewohner von städtischen Dachwohnungen belasten können. Hier sorgt jetzt eine Holzfaser-Innovation für Abhilfe. Denn mit „Pyroresist wall“ ist es dem Schwarzwälder Unternehmen GUTEX gelungen, die weltweit erste schwer entflammbare und gleichzeitig nicht glimmende Holzfaserdämmplatte zu entwickeln. Dank dieser Eigenschaften kann Holzfaserdämmung jetzt auch im mehrgeschossigen Wohnungsbau (Gebäudeklasse 4 und 5) eingesetzt werden. Pyroresist wall ist 2020 u. a. mit dem Innovationspreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden.

Wer Holz modular verbaut, spart bis zu 50 % Bauzeit

Doch der Baustoff Holz überzeugt nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch. Nicht weil es günstiger zu verbauen ist als Beton oder Ziegel, sondern schneller – in Modulbauweise. Dabei werden zum Beispiel die tragenden Wände in Werkhallen vorgefertigt, so dass sie auf der Baustelle innerhalb weniger Tage aufgebaut werden können. Außerdem können modular gebaute Häuser flexibel vergrößert oder verkleinert werden, indem Bauteile an- oder abgebaut werden. Weitverbreitet sind hybride Holzbauten, die in Teilen aus Stahlbeton oder Beton bestehen. Grundsätzlich kennt der Holzbau kaum noch Grenzen: Brücken, Hochhäuser, Fabrikhallen – alles ist inzwischen möglich. Und mit einer „Lebensdauer“ von 80 Jahren stehen sie klimaschädlicheren Bauten aus Stahl, Glas und Beton in nichts nach.

Städte gehen mit gutem Beispiel voran und bauen ganze Quartiere aus Holz

In Berlin-Tegel entsteht das womöglich größte Holzbau-Quartier Europas

Wo noch vor kurzem täglich eine Vielzahl von Flugzeugen gestartet und gelandet ist, entsteht in naher Zukunft ein Wohnquartier für rund 10.000 Menschen. © Tegel Projekt GmbH, rendertaxi

Wo noch vor kurzem täglich eine Vielzahl von Flugzeugen gestartet und gelandet ist, entsteht in naher Zukunft ein Wohnquartier für rund 10.000 Menschen: Der Berliner Senat plant im Schumacher Quartier auf dem ehemaligen Gelände des Flughafens Tegel sowohl einen innovativen Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien als auch ein Stadtquartier mit rund 5.000 Wohnungen. „Auf 500 Hektar wird hier eine Stadt der Zukunft entstehen, sozial, nachhaltig, hoch innovativ, mit dem wahrscheinlich größten Holzbau-Quartier Europas“, sagt Dr. Philipp Bouteiller von der Tegel Projekt GmbH. 2021 soll mit den Vorbereitungen für den ersten Bauabschnitt begonnen werden. Damit entsteht in Berlin ein Modellprojekt für ein klimaneutrales Stadtquartier. Zudem soll auf dem Gelände die „Bauhütte 4.0“ entstehen. Ein Cluster für den innovativen Holzbau, in dem Akteure der Zivilgesellschaft, Forstwirtschaft, Forschung und Entwicklung, Bauindustrie und Stadtentwicklung zusammenkommen, um nachhaltige Stadtentwicklung zu fördern.

Im „Prinz-Eugen-Park“ ist eine ökologische Mustersiedlung in Holzbauweise entstanden

Die im Prinz-Eugen-Park gewonnen Erkenntnisse, nutzt die Stadt München für weitere Entwicklungsvorhaben. © Michael Nagy, Landeshauptstadt München

Mit rund 570 Wohnungen ist zwischen 2016 und Frühjahr 2020 die zu der Zeit größte zusammenhängende Holzbausiedlung Deutschlands entstanden. Die Mustersiedlung besteht aus acht individuellen Holzbauprojekten und bietet viel Raum für gemeinschaftsorientierte Nutzungen, wie Werkstätten, Co-Working-Spaces, Dachgärten und Urban Gardening Flächen. Errichtet wurden die Gebäude in unterschiedlichen Bauweisen, vom Holzhybridbau bis zum reinen Holzbau. Die hier gewonnenen Erkenntnisse nutzt die Stadt München als Best-Practice-Beispiele für weitere Stadtentwicklungsvorhaben.

 

„Quartier WIR“ in Berlin-Weißensee gewinnt Bundespreis „Umwelt & Bauen“

Quartier WIR Wohnraum Dachgeschoss

Im Quartier WIR in Berlin-Weißensee wurde Holz auch sichtbar verarbeitet, was auch optisch für eine besonders wohnliche Atmosphäre sorgt. © Erik-Jan Ouwerkerk

Die Ende September 2020 ausgezeichnete kleine Siedlung aus fünf Mehrfamilienhäusern überzeugte die Jury durch den gemeinschaftlichen Planungsprozess, die Integration unterschiedlicher sozialer Gemeinschaften, eine positive Ökobilanz durch den Holzbau und den KfW-40-Standard sowie die Maßnahmen zur Luftqualität. Keller und Treppenhäuser bestehen aus Beton, während konstruktive Bauteile wie Wände, Stützen, Decken und Träger in Holzbauweise ausgeführt wurden. „Der Holzanteil im Quartier WIR beträgt rund 5.000 m³ und entzieht somit der Atmosphäre knapp 3.500 Tonnen CO2. Der nachwachsende Rohstoff Holz hat viele ökologische Vorteile und leistet so einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz“, bestätigt Christoph Deimel von den planenden Architekten Deimel Oelschläger, Berlin.

10 Lesern gefällt das

Schreibe gerne einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.