Martini-Kirche Bielefeld

Unter dem von manchen zunächst als provokant, von Gastronom Achim Fiolka aber als programmatisch gesehenen Namen „GlückundSeligkeit“ ist die Martini-Kirche in Bielefeld zum Gourmet-Restaurant umgebaut worden.

Die stilvolle Kernsanierung des Sakralbaus und die mit sehr viel Einfühlungsvermögen vorgenommene Ausgestaltung als Gastronomiebetrieb ließen mittlerweile aber auch die letzten Kritiker dieses Projektes verstummen. Dazu beigetragen haben neben den Architekten nicht zuletzt Fachplaner Dieter Anders sowie die Sanitär-, Heizungs- und Lüftungsfachleute des Handwerksunternehmens Fritz Michel, die mit einem integrierten Heizungs- und Lüftungskonzept in dem ehemaligen Gotteshaus für Wohlfühl-Atmosphäre bis in den letzten Winkel sorgten.

Kirchen verlieren immer mehr Mitglieder

Die Amtskirchen, die evangelische wie die katholische, haben ein Problem, das sich immer mehr zuspitzt: Seit Jahren sind die Mitgliederzahlen stark rückläufig. Die Evangelische Kirche von Westfalen erwartet so bis 2015, im Vergleich zu 1970, einen Verlust in der Größenordnung von 30 Prozent. Entsprechend kritisch stellt sich die Finanzlage dar. In der Folge wurden und werden Pfarrstellen gestrichen, Trägerschaften von Kindergärten aufgegeben, und – wenn das für den Haushaltsausgleich immer noch nicht ausreicht – substanzielle Rücklagen angegriffen, indem mehr und mehr Gotteshäuser zum Verkauf stehen.

Schätzungsweise zehn Prozent der Sakralbauten stehen bundesweit zum Verkauf

Die lokalen Wahrzeichen und Landmarken des christlichen Glaubens dann als Gotteshaus einer anderen Religionsgemeinschaft zu sehen, als Kneipe, Sparkassenfiliale oder Studentenwohnheim schmerzt, doch als Ultima ratio ist es in vielen Fällen schlichtweg unumgänglich: Beim Berliner Architekturbüro „D:4“, auf die Vermarktung und Umwidmung von Sakralbauten spezialisiert, geht man davon aus, dass etwa zehn Prozent des Kirchenbestandes bundesweit zum Verkauf steht. Also rund 3.500 Objekte, deren Unterhalt sich die Kirchengemeinden genau so wenig leisten können wie die allfällige Sanierung, die schnell Hunderttausende an Euros verschlingt und gegengerechnet werden muss gegen besagte Kindergartenplätze, seelsorgerische Präsenz in der Fläche und letztlich die originäre Aufgabe, den Menschen die kirchliche Lehre und Werte zu vermitteln.

Kirchen dürfen profanem, nicht aber „unwürdigem“ Gebrauch dienen

Ob eine Kirche „nur“ geschlossen oder doch komplett verkauft wird, und wenn an wen und zu welchem weiteren Nutzungszweck wird in Bistümern und Landeskirchen monatelang diskutiert, abgewogen, verworfen, neu aufgegriffen. Denn letztendlich besteht die Verpflichtung des Kirchenrechtes, dass ein Gotteshaus zwar einem profanen, nicht aber einem „unwürdigen“ Gebrauch dienen darf. Dies aber bedeutet zugleich immer auch eine moralische Bewertung, in der der eigene Standpunkt und das Empfinden der Gläubigen eine zumindest ebenso große Rolle spielen wie die Positionen Soll und Haben auf dem Kontoauszug des Kirchenkreises.

Alternative? Abriss

In Bielefeld, im Fall der in den 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts errichteten Martini-Kirche, war das nicht anders. Wobei die Kritiker eines Verkaufes dort insofern einen schweren Stand hatten, als der neugotische Sakralbau bereits dreißig Jahre zuvor an die griechisch-orthodoxe Gemeinde verpachtet worden war und nach Auslaufen des Vertrages 2002 nicht mehr die Rückführung der Nutzung als evangelisches Gotteshaus, sondern als einzige Alternative zum Verkauf an die „Living Event GmbH“ des Gastronomen Fiolka nur noch der Abriss zur Debatte stand.